Man könnte also sagen, dass wir unter den Patienten zu viele Hypochonder haben?

(Lacht.) Nein, ganz sicher nicht. Die Patienten bewegen sich nur so durch das System, wie das System es vorgibt, und manchmal gehen sie im Kreis. Einer der Schwerpunkte der Gesundheitsreform ist nicht ohne Grund die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. Wenn man Österreich mit anderen Ländern vergleicht, dann fällt auf, dass anderswo die Patienten kritischer sind. Sie stellen sich öfter die Frage, ob das, was ihnen der Arzt gerade gesagt hat, auch wirklich das Beste für sie ist. Und sie fragen aktiv nach, das ist ein akzeptierter Teil der Arzt-Patienten-Kommunikation. Bei uns sind solche Dialoge eher noch gewöhnungsbedürftig, und zwar auf beiden Seiten. Deshalb muss man bei jeder Strukturänderung auch das Miteinander im Blick haben.

Was sind aus ihrer Sicht die wichtigsten Strukturänderungen, die vorzunehmen wären - etwa der massive Ausbau von Erstversorgungszentren?

Versorgungszentren sind eine Möglichkeit, aber nicht die ultimative Antwort für alle Regionen und alle Fachrichtungen. Für Ballungszentren braucht es andere Lösungen als für ländliche Gebiete. Primärversorgungszentren passen gut für urbane Räume, am Land wird die Gesundheitsversorgung der Zukunft eher über Netzwerke laufen. Also nicht unbedingt an einem Ort gebündelt, sondern durchaus dezentral. Da gilt es, sehr innovativ zu sein. Es wird im Rahmen der Gesundheitsreform entsprechende Pilotprojekte geben.

Wir haben jetzt die wichtigsten Facetten einer nachhaltigen Gesundheitsreform durchgenommen: die Kommunikation verbessern, gründliche Bedarfsanalysen anstellen, die etwa die Versorgungswirksamkeit berücksichtigen, die ihrerseits vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und regionaler Spezifika abzubilden ist. Dazu müssen die Arbeitsbedingungen in Arzt- und Pflegeberufen verbessert und das Zusammenspiel zwischen dem niedergelassen Bereich und den Spitälern neu organisiert werden. Kann das alles tatsächlich gelingen? Anders gefragt: Sehen Sie ein Happy End für den doch von vielen Konflikten, Widersprüchen und Sparnöten gekennzeichneten Gesundheitsbereich?

Ich bin sehr optimistisch, dass es relativ rasch zu sinnvollen konkreten Schritten kommt. Spätestens dann, wenn die ersten Pilotprojekte starten. Und auch jetzt tut sich schon einiges: Es gibt in vielen Bereichen innovative, erfolgversprechende Ansätze. Viele Krankenanstalten verfolgen neue Wege - aber auch auf diesem Feld ist Österreich eher das Land der Evolution und nicht der Revolution. Wichtig ist, dass alle Beteiligten ein gemeinsames Ziel vor Augen haben. Dann wird man die positiven Entwicklungen bald spüren.

Und was sagen wir den Patienten, die da und dort in den Ordinationen sehr lange warten?

Wenn wir jetzt noch einmal auf die Ausgangsfrage unseres Gesprächs zurückkommen, den Ärztebedarf: Ja, wir haben ein Verteilungsproblem. Und offensichtlich sind nicht alle Teile des Systems gleich attraktiv für Ärztinnen und Ärzte, übrigens auch nicht für andere Gesundheitsberufe. Das System muss so gestaltet werden, dass es sowohl für Patientinnen und Patienten, als auch für die Angehörigen der Gesundheitsberufe Verbesserungen bringt. Das bedeutet Verbesserungen etwa in der Erreichbarkeit oder bei den Öffnungszeiten, bei der fächer- und berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit. Man sollte nie vergessen, dass es letztlich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung geht. Stakeholder-Interessen sollten vor diesem Ziel immer nachrangig sein. Dazu gehört auch, nicht immer nur die finanziellen Aspekte des Gesundheitssystems im Auge zu haben. Bei Ärztedichten, Krankenhausaufenthalten, Mitteleinsatz liegt Österreich im internationalen Vergleich durchaus im obersten Bereich. Aber was heißt das für unsere Gesundheit, unsere Lebensqualität und für unsere Lebenserwartung? Stimmt die Relation zwischen Mitteleinsatz und Ergebnis? Ich finde es daher gut und wichtig, dass jetzt in der Gesundheitspolitik der Fokus stärker als bisher auf Prozess- und Ergebnisqualität gelegt wird.

Danke für das Gespräch.