• vom 03.04.2015, 14:51 Uhr

David Axmann

Update: 03.04.2015, 16:14 Uhr

Nachrufe

Krausianer mit Augenmaß




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Er war ein gewitzter Mann des Wortes - Persönliche Erinnerungen an den Schriftsteller, Literaturkritiker, Herausgeber, Lektor, Korrektor, Blitzdichter und Verseschmied David Axmann.

So sahen "axmannisierte" Artikel bisweilen aus, also Texte, die das strenge Lektorat David Axmanns passiert hatten...

So sahen "axmannisierte" Artikel bisweilen aus, also Texte, die das strenge Lektorat David Axmanns passiert hatten...© Wiener Zeitung So sahen "axmannisierte" Artikel bisweilen aus, also Texte, die das strenge Lektorat David Axmanns passiert hatten...© Wiener Zeitung

Das Erste, was wir von David Axmann zu Gesicht bekamen, war ein rotes Meer. Er hatte, als neuer Mitarbeiter der "extra"-Redaktion, noch bevor er mit uns persönlich in Kontakt trat, ein Manuskript in der ihm quasi naturgegebenen Weise behandelt - und die bestand nun einmal darin, weiße Papierflächen mit einem darauf befindlichen schwarzen Buchstabensee in ein tiefrotes Meer zu verwandeln. Kaum ein Satz, der in jener vom Autor des Textes vorgesehenen Weise stehenblieb - und somit dem Rotstift des gestrengen Lektors und Korrektors Axmann entging.

Wir, damals bereits seit rund zwei Jahrzehnten im Redigieren von Artikeln vermeintlich geübt, waren schockiert. Wir empfanden diese Art eines buchstäblichen Eingriffs in einen Textkörper als Übergriff. Und wir versuchten, David Axmann klar zu machen, dass uns und vor allem den Texten mit kleinen Korrekturen, etwa Rechtschreibfehlern oder fehlenden Beistrichen, mehr gedient sei. Das Gesicht, das er dazu machte, werde ich nie vergessen. Es war für ihn wohl so, als würde man einen Zahnarzt ersuchen, sich auf das Bürsten des linken hinteren Backenzahns zu beschränken.


In der Folge einigten wir uns darauf, dass er Manuskripte in der ihm vertrauten Weise bearbeiten könne, aber wir - und gegebenenfalls die Autoren - letztlich entscheiden, welche seiner Korrekturen übernommen werden. Und siehe da: Wir waren rasch bei einer Übernahme-Quote von rund 80 Prozent.

Denn eines musste man diesem peniblen, aber auch gewitzten Mann des Wortes einfach lassen: Er hatte ein untrügliches Gespür für Texte; konnte sich in ihren Rhythmus, ihre Satzmelodie und Fließeigenschaft derart einfühlen, dass sie - nachdem sie durch seine Hände gegangen waren - fast immer eleganter und verständlicher klangen. Dass Axmann, der in dieser Hinsicht bekanntlich nicht zimperlichen Torberg-Schule entstammend, dabei manchmal übers Ziel hinausschoss und auch Bibel- oder Foucault-Zitate umformulierte ("Sind ja nur Übersetzungen - und zumeist schlechte!", rechtfertigte er sein Vorgehen) - geschenkt. Dafür gab es ja noch uns als ausgleichende Korrektive.

Aber jahrelang erschien im "extra" kein Text, der nicht auf die eine oder andere Weise "axmannisiert" worden war, wie wir diesen Vorgang alsbald nannten.

Wenn wir David Axmann in seiner Lektorentätigkeit, die er zu oft unorthodoxen Zeiten ausführte, persönlich nicht antrafen, hinterließ er stets - neben den unübersehbaren roten Spuren - auch ein schriftliches Zeugnis seines Wirkens, das sich dann etwa so las:

"Ein Mensch, der mit der Bundesbahn

ins Zentrum des Vergnügens kam,

das fremde Texte ihm bereiten,

die er mit seinen schönen, weiten

und roten Sprachgedankenzeichen

(die von Earl Grey bis Essig reichen)

höchst korrektoreneifrig zierte,

und somit das eliminierte, was fehlerhaft ihm unterkam -

ein solcher Mensch fährt mit der Bahn

jetzt wieder ham."

David Axmann (1947 - 2015) war zwar sprachmächtig, aber ein notorischer Licht-unter-den-Scheffel-Steller.

David Axmann (1947 - 2015) war zwar sprachmächtig, aber ein notorischer Licht-unter-den-Scheffel-Steller. David Axmann (1947 - 2015) war zwar sprachmächtig, aber ein notorischer Licht-unter-den-Scheffel-Steller.

Auch wenn wir seit seinem Weg-Zug, sprich: Pensionierung, wieder etwas zurückhaltender redigieren, so ist Axmanns Einfluss doch bis heute spür- und lesbar geblieben. Mir kommt etwa kein "bislang" mehr in einen Artikel, da er mich nachhaltig von der Hässlichkeit dieses Wortes überzeugt hat, und auch die meisten "bespielgebend" werden durch das hübschere "etwa" ersetzt. Es sind oft solche Kleinigkeiten, die Texte eleganter machen.

Auf seine eigenen, allen seinen Kriterien mustergültig entsprechenden Texte - literaturkritische Rezensionen, sprachspielerische Glossen und Autorenporträts (siehe Seite 43) - mussten die Leser des "extra" in den vergangenen Jahren zum Glück genauso wenig verzichten wie wir auf seine, uns liebgewordenen kleinen Gedichtchen, die er - zumeist auf Ansichtskarten - von überallher schickte, etwa aus seinem "Sehnsuchtsland" Israel, vom See Genezareth:

"Hier fischte einst der heil’ge Peter

Sanktpetersfisch bei jedem Wetter.

An einem Sturmtag aber hätt‘ er

ertrinken müssen ohne Retter:

o seht, dort über Wasser geht er!

(Just Copperfield is doing better)"

In einem nur für mich angefügten "PS", seinen Sportsfreund im Geiste (ich mutmaße ja, dass das elendigliche Spiel der Wiener Austria zuletzt seinen angeschlagenen Gesundheitszustand noch verschlimmerte), hieß es: "Übermorgen findet hier die nationale Marathonmeisterschaft rund um den See statt. Abschneider über den See sind laut Auskunft der Rennleitung verboten."

Solche launigen Mitteilungen und Poeme zukünftig von ihm nicht mehr empfangen und lesen zu dürfen, macht mich unendlich traurig.

Gerald Schmickl

---

Im vergangenen Jahr trafen Gerald Schmickl und ich den Pensionisten David Axmann einmal zum gemeinsamen Mittagessen. Das war in einer Zeit, in der er gesundheitliche Probleme hatte - was vermutlich ohnehin viel öfter der Fall war, als er seinen Kollegen gegenüber zugab. Axmann war kein eingebildeter Kranker; er trug seine unübersehbare körperliche Behinderung mit nonchalanter Würde. Wir spürten damals, dass er nicht wohlauf war, und fragten nach seinem Befinden. Ein anderer hätte nun wahrscheinlich gesagt: "Mir geht es nicht gut!" Axmann jedoch drückte sich gewählt aus. Wie seine Vorbilder (Kraus, Polgar, Friedell, Torberg) liebte er die sprachliche Finesse und schneiderte auch den unangenehmen Botschaften ein gefälliges Sprachkleid. Er beantwortete unsere simple Frage "Wie geht’s?" mit dem ausschweifend-ausweichenden Satz: "Es ist nicht so, dass ich morgens aufwache und denke: Wie schön ist doch das Leben!" Damit wussten wir, dass er nicht gesund war, bemerkten aber zugleich erfreut, dass ihn die Redekunst dennoch nicht im Stich ließ.

Diese Aufnahme, die Friedrich Torberg (2.v.l.) als Kapitän der Wasserballmannschaft des jüdischen Sportvereins Hagibor 1928 zeigt, stammt aus der Sammlung von David Axmann, dem Biographen und Nachlassverwalter Torbergs, und war u.a. in der Ausstellung "Die Gefahren der Vielseitigkeit - Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag" 2008/2009 im Jüdischen Museum Wien zu sehen.

Diese Aufnahme, die Friedrich Torberg (2.v.l.) als Kapitän der Wasserballmannschaft des jüdischen Sportvereins Hagibor 1928 zeigt, stammt aus der Sammlung von David Axmann, dem Biographen und Nachlassverwalter Torbergs, und war u.a. in der Ausstellung "Die Gefahren der Vielseitigkeit - Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag" 2008/2009 im Jüdischen Museum Wien zu sehen. Diese Aufnahme, die Friedrich Torberg (2.v.l.) als Kapitän der Wasserballmannschaft des jüdischen Sportvereins Hagibor 1928 zeigt, stammt aus der Sammlung von David Axmann, dem Biographen und Nachlassverwalter Torbergs, und war u.a. in der Ausstellung "Die Gefahren der Vielseitigkeit - Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag" 2008/2009 im Jüdischen Museum Wien zu sehen.

weiterlesen auf Seite 2 von 4




5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-04-03 14:56:11
Letzte Änderung am 2015-04-03 16:14:36


Glossen

In Schleiz aufs Greiz

Ex oriente lux, doch auch im Norden kann dir ein Licht aufgehen. Fährst du mit dem Auto von Wien über Linz, Passau, Bayreuth nach Berlin... weiter





Werbung




Werbung