Axmann war ein Liebhaber der wortreichen Rede, der vor allem in privaten Konversationen brillieren konnte (er selbst würde lieber lesen: "zu brillieren vermochte"). Ich erinnere mich nicht, ihn jemals bei einer gesprochenen Nachlässigkeit ertappt zu haben. Konsequenter als die meisten beachtete er zum Beispiel den feinen Unterschied zwischen dem Reflexiv- und dem Reziprok-Pronomen. Niemals sagte er "wir sehen uns nächste Woche", bei ihm hieß es korrekt und reziprok: "wir sehen einander . . ."

Diese Aufnahme, die Friedrich Torberg (2.v.l.) als Kapitän der Wasserballmannschaft des jüdischen Sportvereins Hagibor 1928 zeigt, stammt aus der Sammlung von David Axmann, dem Biographen und Nachlassverwalter Torbergs, und war u.a. in der Ausstellung "Die Gefahren der Vielseitigkeit - Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag" 2008/2009 im Jüdischen Museum Wien zu sehen.
Diese Aufnahme, die Friedrich Torberg (2.v.l.) als Kapitän der Wasserballmannschaft des jüdischen Sportvereins Hagibor 1928 zeigt, stammt aus der Sammlung von David Axmann, dem Biographen und Nachlassverwalter Torbergs, und war u.a. in der Ausstellung "Die Gefahren der Vielseitigkeit - Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag" 2008/2009 im Jüdischen Museum Wien zu sehen.

Allerdings sprach Axmann kein Schriftdeutsch. Er beherrschte den Wiener Dialekt in allen Stilebenen und setzte dessen Effekte gerne ein. Ich, der zugewanderte Deutsche, verdanke ihm unter anderem die Kenntnis der kostbaren Vokabel "urassen". Aber er war dem Dialekt nicht hilflos ausgeliefert, sondern machte von ihm überlegten Gebrauch, um ihn zu pflegen. Dass man in Wien nicht "Junge" sagen soll, sondern "Bub", war ihm zum Beispiel wichtig.

All diese Feinheiten mögen pedantisch und schulmeisterlich erscheinen - Eigenschaften, von denen Axmann gewiss nicht frei gewesen ist. Aber sie waren doch ausgeglichen durch seinen lebhaften Sinn für Witz, Absurdität und Ironie, die auch die Selbstironie mit einschloss. Eben diese Qualitäten schreibt man mit Fug und Recht jener wienerisch-jüdischen Feuilleton-Tradition zu, die David Axmann kannte und - als unzeitgemäßer Erbe - selbst verkörperte. Wer mag, darf darüber nachdenken, welche Elemente seines Schreib- und Sprechstils eher wienerisch, welche eher jüdisch sind. Für mich waren sie vor allem eines: Axmannisch. Axmann sprach und schrieb normbewusst und eigensinnig zugleich, was eine seltene Kombination ist, da sich der Eigensinn sonst meist im Verstoß gegen die Norm zu verwirklichen sucht.

Vor langer Zeit fragte ich den Kollegen Axmann einmal: "Kommen Sie heute Abend auch auf die Weihnachtsfeier?" Er antwortete, ohne einen Augenblick nachzudenken: "Nein, leider nicht. Ich finde weder einen moralischen noch einen ästhetischen Grund, warum ich dort hingehen sollte." Und nun ist dieser verspielte Sprachmeister, der noch das banalste Gesprächsthema mit stilistischen Girlanden dekorierte, für immer verstummt. Es ist nicht so, dass man keinen Grund hätte, darüber traurig zu sein.

Hermann Schlösser

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Mit David Axmann zu korrespondieren - das bedeutete keineswegs, nur rein Berufliches auszutauschen. Jede Anfrage, jede Mitteilung oder Antwort unseres "mittelburgenländischen Außenpostlers" (Eigendefinition dieses austriakischen Kosmopoliten) griff weit über den fachlichen Gegenstand hinaus. David Axmann war ein Meister der Ironie, ein begnadeter Satiriker, ein Nestroyscher Wortakrobat. Und so pflegte er in seine Mails stets ein Bonmot, ein Aperçu einzuträufeln. Hier ein solches Beispiel aus den späten Jänner-Tagen dieses Jahres:

"Bonjour, Madame,

wenn es also wirklich so sein sollte, wie Temporärsymbolisten und Visionärastrologiker behaupten, dann werfen die ersten beiden Jännerwochen ein nicht eben angenehmes Vor-Bild auf den Jahresrest. Nun weiß ich freilich, daß die extra-Redaktion schon viele Schicksalsprüfungen in transponierter Zauberflötenmanier tapfer bestanden hat und sich den Blick in eine erfreuliche Zukunft nicht so leicht und nicht so schnell trüben läßt.

In dem Sinne will auch ich mich verhalten, als ob jetzt nichts denn Fasching wäre. Meiner Kopfrechnung zufolge sollte in eben dieser spaßhaften Zeit mein nächstes Diarium erscheinen, weshalb es daraufhin zugeschnitten ist, siehe Beilage."

Und noch eine Eigenschaft zeichnete David Axmann aus: seine feinsinnige Herzlichkeit. Auch die brachte er im Korrespondenzweg zum Ausdruck, indem er so kunstvoll wie verspielt auf das Wesen, die Passionen oder Marotten seines Adressaten einging. Ein Clin d’il folgte dem anderen, ob in Form eines Video-Anhangs, eines selbst geschmiedeten Gedichts oder einer (mitunter süffisant verfremdeten) Stelle aus der Weltliteratur. Mit David Axmann zu korrespondieren - das war eine berückende, Sinne und Geist schärfende Form des Zwiegesprächs. Eine starke Stimme ist verklungen, der Verlust ist groß und schmerzt.

Ingeborg Waldinger

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Unlängst ging es um einen Satz von Ebner-Eschenbach: "Wir sollen nicht nur leben, als ob wir morgen sterben, sondern auch, als ob wir noch hundert Jahre leben könnten." David Axmann war der Anspruch zu hoch: "Selbst wenn ich hundert Jahre alt würde, könnte ich ihn wohl nicht erfüllen."

Unsere Geschichte begann im Jahr 1981, als ich dem jungen Kulturredakteur des noch viel jüngeren "Wiener Journal" einen parodistischen Leserbrief zusandte, getippt auf bereits sehr schwachem Farbband, worauf David Axmann der Gymnasiastin mit Schiller antwortete: "Du bist so blaß, Luise". Von da an schrieb ich für die von mir bewunderte Zeitschrift und den von mir bewunderten Redakteur: keiner in Österreich vereinte auf so mühelose Weise Wissen und Witz, intellektuelle Schärfe und sprachspielerische Lust. Und er tat das in seiner Korrespondenz mit nicht geringerer Verve als in seinen Artikeln. Sein Stil war souverän, funkelnd, fulminant, und wer den Autor persönlich kennen lernte, staunte über die beinah scheue, leise verschmitzte Art des Blitzeschleuderers. Axmann war der netteste Chefredakteur, den ich kenne. Als Autor führte er das Florett, als Privatmann bevorzugte er die gütliche Einigung und hatte einen Hang zum Resignativen. Sein Selbstbewusstsein als Jude aber war nicht das des Opfers.