Wien. Hinter dem neuen Wiener Hauptbahnhof herrscht Baustelle – und zwar seit geraumer und auf absehbare Zeit. Gebaut wird hier aber weder an Gleisen noch an Bahnsteigen, sondern an Programmen, Levels und Geschichten: Die Wiener Spieleschmiede Sproing Interactive residiert ausgerechnet an einem unscheinbaren Ort wie diesen. Und das, obwohl sich das Unternehmen mit seinen Titeln für Konsolen, PCs und Smartphones längst ins internationale Rampenlicht gespielt hat. Überraschend ist das aus einem Grund nicht: Denn obwohl die Wiener Software- und Spieleindustrie durchaus beachtliche Erfolge vorweisen kann, ist ihre Existenz im öffentlichen Bewusstsein noch nicht angekommen.

Rund 2,8 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet der Bereich "Software und Games" der Wiener Kreativwirtschaft, nicht weniger als 3000 Unternehmen beschäftigen rund 16.000 Menschen. Nach Angaben der Wirtschaftskammer Wien beträgt der Beitrag der IT-Branche in einem weiteren Sinn zur Wiener Wertschöpfung rund 18 Prozent - und lässt damit ausgerechnet in der Stadt der Theater, Fiaker und Kaffeehäuser bereits selbst den Tourismus alt aussehen.

Spiel mit der Dynamik
So überzeugend diese Zahlen auch sind, so wenig vermögen sie über die Dynamik der Branche auszusagen. "IT-Betriebe wachsen wie Schwammerln aus dem Boden", bestätigt Silvia Payer, die sich mit ihrer Unternehmensberatung Co.Systems Consulting auf kleine und mittelständische Betriebe spezialisiert hat. Was diese Unternehmen gegenüber anderen Branchen auszeichnet, ist, sofern sie die ersten Jahre überstehen, die Bereitschaft, sich ständig neu zu erfinden – auch weil die technologische Entwicklung das erfordert. "IT-Unternehmen zeichnet eine besondere Technologienähe aus, sie haben die Tendenz, einem anwachsenden Arbeitsvolumen mit technischem Knowhow zu begegnen", befindet Payer. Doch die Wiener Spiele- und Softwarebranche kann mehr, als lediglich der Technologie zu folgen. Denn das Image von Software-Entwicklern als einsamen Programmierern, die in stillen Kämmerchen zu Werke gehen, ist längst überholt. Vielmehr pflegen die Unternehmen der Branche eine besondere Nähe zum Kunden, die es gerade den kleinen Betrieben gestattet, den Wettbewerb auch mit größeren Anbietern aufzunehmen. "Der direkte Kontakt zum Kunden ist ein Marktvorteil, den die IT-KMU auch nutzen", fasst Payer zusammen.