Der Mensch ist mithilfe von Technik aus der Natur herausgetreten, hat sich von ihr emanzipiert. Das glaubt er zumindest. Bis ihn die Natur eines Besseren belehrt - und er sich wieder mehr vor Viren fürchtet, die seinen Körper befallen könnten, als seinen Computer. In einer Welt, in der Beschleunigung als dem "Fetisch der Gelangweilten" gehuldigt wird, geben plötzlich sinkende Kurven und fallende Werte Zuversicht. Ein Paradoxon in einer Welt der unbedingten Steigerung - zumindest für einen Augenblick.

Der technische Fortschritt eilt dennoch voran, analysiert Philosoph Richard David Precht in seinem jüngsten Buch. Jenseits dieses kurzen Momentes des Innehaltens beschleunigt sich technischer Fortschritt - auch durch die aktuelle Krise. Und damit die Entwicklung von lernenden Maschinen, der Künstlichen Intelligenz. Prechts eben erschienener Band "Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens" beleuchtet dabei nicht den Stand der Technik, sondern vielmehr den der Debatte über deren Einsatz. Der Bogen, den Precht dabei spannt, ist denkbar umfassend. Auf 256 Seiten fasst er dabei aktuelle Debattenbeiträge und Konzepte zusammen, greift immer wieder auf die großen Denker zurück und er stellt vor allem viele Fragen. Wer muss denn eigentlich optimiert werden? Der Mensch oder die Maschine? Ist jeder technische Fortschritt begrüßenswert? Was ist der Maßstab, an dem sich beide orientieren? Oder braucht es etwa einen völlig neuen?

In den Antworten betreibt Precht vor allem Differenzierungen. Er umreißt Trennlinien zwischen gesundem Menschenverstand, Rationalität und Intelligenz oder zwischen Vernunft und Verstand. Gedankliche Sortierarbeit vom Feinsten. In den Rückblicken zeichnet er den Weg nach von der "Bedarfsökonomie" zur "Bedarfserweckungsökonomie" und enttarnt hinter der Digitalisierung den Kapitalismus als dessen Triebfeder. Neue Technik wird gebraucht, um neue Bedürfnisse und Geschäftsfelder zu erschließen: "Der Drang zum Mehr ist kein Urtrieb, sondern eine Logik unserer Ökonomie." Das macht Prechts Essay über weite Strecken mehr zur Kapitalismus- denn zur Technikkritik. Dabei hinterfragt er die Erzählung, dass technische Innovation gleichzusetzen sei mit Fortschritt und spürt der Geschichte der menschlichen Selbstoptimierung nach - von den Idealen der Griechen bis zur Eugenetik der Nazis.

Blutleere Fernsicht

Auch wenn technische Errungenschaften dem Menschen helfen sollen, so nehmen sie ihm doch eines, so Prechts Analyse: seine Menschlichkeit. Und damit ein Stück weit Lebenssinn. Dabei dient Technik keinem höheren Ziel wie dem Umweltschutz. Sie soll den Menschen befreien von "Nöten und Notwendigkeiten des täglichen Lebens", was diese "blutleere Fernsicht für manche so verführerisch macht".

Den technischen Fortschritt werden kritische Gedanken nicht aufhalten, das weiß auch Precht. Er denkt weiter, in kühnen Szenarien. Was täte eine vom Menschen geschaffene "Superintelligenz"? Dem Planeten zuliebe die Menschheit sanft verschwinden lassen - mit dem "kalten Herzen" der Vernunft und der Optimierung? Oder schüfe sie dem Menschen ein Leben ohne Mühen - aber auch ohne Befriedigung, risikobefreit wie gelangweilten Tieren im Zoo. Doch bei aller Dystopie ist Precht hoffnungsvoll: "Künstliche Intelligenz ist weder Erlösungsweg noch Teufelswerk. Sie ist immer so gut oder schlecht wie die Absichten der Menschen, die sie programmieren." Neben klugen Politikern baut der Philosoph auf eines: dass "die Versprechen vom Überwinden des Menschen durch Superintelligenz" nicht entfernt so aufregend sein mögen "als das verlockende Ziel einer intakten Erde". Möge er recht behalten.