Wer einen Durchbruch im Bereich Künstlicher Intelligenz erreicht, kann damit die Welt beherrschen. So hat Russlands Präsident Wladmir Putin vor einigen Jahren vor der digitalen Monopolisierung gewarnt: "Wer in diesem Bereich die Führung übernimmt, wird Herrscher der Welt". Vor dem Hintergrund des weltweiten digitalen Wettbewerbs hat die Europäische Kommission im Frühjahr dieses Jahres ein neue Digital- und Datenstrategie vorgestellt, das Europa zu einem weltweit führenden Standort für "vertrauenswürdige" Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI) machen soll; ein "digitales Europa", "offen, fair, vielfältig und demokratisch", heißt es. Die Investitionen in Künstliche Intelligenz sollen nach Plänen der EU-Kommission in diesem Jahrzehnt auf mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr steigen, auch soll die Forschung zu KI besser grenzüberschreitend organisiert werden.

Pressekonferenz zur Präsentation des "Weißbuch zur Künstlichen Intelligenz – ein europäisches Konzept für Exzellenz und Vertrauen" in Brüssel. .  - © APAweb / AFP, TRIBOUILLARD
Pressekonferenz zur Präsentation des "Weißbuch zur Künstlichen Intelligenz – ein europäisches Konzept für Exzellenz und Vertrauen" in Brüssel. .  - © APAweb / AFP, TRIBOUILLARD

Wegweisend dafür ist das im Februar dieses Jahres von der Europäischen Kommission veröffentlichte Weißbuch zur Künstlichen Intelligenz. Darin schlägt sie ein gemeinsames europäisches Ökosystem der Exzellenz und des Vertrauens in die Künstliche Intelligenz vor. Es beinhaltet abgesehen von Maßnahmen zur Förderung von Investitionen auch Optionen für einen EU-Rechtsrahmen und schlägt staatliche Kontrolle besonders risikobehafteter KI-Anwendungen vor. Daten sollen zudem innerhalb der EU einfacher ausgetauscht werden können und so technische Innovation antreiben. Und es soll ein "Binnenmarkt für Daten" entstehen, der persönliche und anonymisierte Informationen nach europäischen Standards schützt.

Im September hat sich im EU-Parlament der "Sonderausschuss zur künstlichen Intelligenz im digitalen Zeitalter" (AIDA, "Artificial Intelligence in the Digital Age")  konstituiert. Laut Mandat ist die Arbeit des Ausschusses mit einem Jahr angegeben, außerdem hat er die Möglichkeit auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu tagen. Die 33 Mitglieder des Gremiums sollen eine Roadmap für die digitale Zukunft ausarbeiten und die "künftigen Auswirkungen" der Schlüsseltechnik auf Wirtschaft und Gesellschaft analysieren. Eckpunkte dazu sind Wettbewerb, Industrie, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Umwelt, Kompetenzen sowie Sicherheit und Verteidigung, präzisiert Anna-Michelle Asimakopoulou, EU-Parlamantarierin (EVP) und Mitglied des AIDA-Sonderausschusses. Sie war einer der ExpertInnen, die am ersten Tag des zweitätigen Workshops zum Thema Digitaler Humanismus  eingeladen war.


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Weißbuch zur Künstlichen Intelligenz – ein europäisches Konzept für Exzellenz und Vertrauen
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Als existentiell für Europas Zukunft nennt sie die strategische Autonomie der EU in der Digitalisierung. Dazu zählen: eigene Standards entwickeln, sichere Verbindungen gewährleisten, die Kontrolle über die Daten haben – und, allen voran, müsse man bei KI die richtige Balance zwischen Innovation und Vertrauen finden. KI sei die Würze unserer Dekade, sie bestimme die Rolle der EU in der Welt.

Aber kann sich Europa überhaupt aus der digitalen Klemme zwischen USA und China lösen? Mit dem deutsch-französischen Projekt GAIA-Xsoll eine Europäische Cloud entstehen, die Abhängigkeit der heimischen Unternehmen von den großen amerikanischen und chinesischen Anbietern reduziert werden. Die Gefahr sei, so Asimakopoulou, dass sich die Wolke als trojanisches Pferd entpuppt, wenn es Europa nicht schafft, ohne die bekannten IT-Riesen auszukommen.

Abgesehen davon, betont die EU-Parlamentarierin, sei es wichtig, auf Gefahren und Nebenwirkungen durch die neuen Technologien rasch zu reagieren. Regulieren oder nicht? Man dürfe nicht überregulieren, meint Asimakopoulou und verweist auf die Entschließungen, die das EU-Parlament in den vergangenen Jahren passiert haben, darunter etwa die Zivilrechtliche Regelungen im Bereich Robotik aus dem Jahr 2017, eine umfassende europäische Industriepolitik in Bezug auf künstliche Intelligenz und Robotik 2019 oder die Entschließung des Europäischen Parlaments zu "Automatisierte Entscheidungsfindungsprozesse.

Der Brüssel-Effekt

Regulierungen waren wiederum Thema des Beitrags der US-amerikanischen Rechtswissenschaftlerin Anu Bradford, die in ihrem Buch "Der Brüssel-Effekt" die internationale Macht der EU auf dem globalen Parkett betont. Denn viele Drittländer übernehmen Europas Maßnahmen zur Regulierung, die Rechtsnormen und Standards. Da in der Europäischen Union ein relativ hohes Niveau zum Schutz der Verbraucher, zum Schutz personenbezogener Daten oder zum Schutz der Umwelt bestehe, erstrecke sich dieses Niveau somit weit über den Geltungsbereich des europäischen Rechts hinaus und wirke sich auch in anderen Ländern aus, so Bradford.. Hier sei die EU eben führend. Darauf dürfe sich Europa aber nicht ausruhen, betont sie. Die EU sei der Schiedsrichter, aber sie müsse auch raus auf das Spielfeld.

"Europe, don’t let Biden clip your wings" - "Europa, lass dir von Biden nicht die Flügel stutzen", warnt wiederum die in Brüssel ansässige Analystin Shada Islam in ihrem Beitrag. Während der Trump-Administration habe die EU gelernt, zumindest teilweise wieder auf eigenen Füßen zu stehen und finanzielle, diplomatische und regulatorische Autonomie und Autorität zu entwickeln.

Neben der digitalen Souveränität und Autonomie der Europäischen Union stand am ersten Tag des Internationalen Workshops zum Thema "Digitaler Humanismus" noch Bildung am Programm. Alle Panels und die Diskussionen dazu können hier  nachgesehen werden.

Am Freitag widmet sich das Workshop den Themen Resilienz und Nachhaltigkeit sowie Initiativen für eine humanistische digitale Zukunft. Live wird das Workshop auf YouTube  und via Zoom gestreamt, via Zoom gibt es auch die Möglichkeit, sich an den Diskussionen zu beteiligen und Fragen an die ExpertInnen zu stellen. Weitere Infos zu Link und Zutrittsdaten sind auf der Workshop-Website zu finden.

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Das Programm

Friday, November 20th

4:00-5:15 p.m. – Resilience and Sustainability

Panelists: Edward A. Lee (UC Berkeley, USA), Moshe Y. Vardi (Rice University, USA), Eric Masanet (UC Santa Barbara, USA) )
Moderator: Sally Wyatt (Maastricht University, The Netherlands)

5:15-5:30 – Break

5:30-6:45 – International Initiatives towards a Humanistic Digital Future

Panelists: Viola Schiaffonati (Politecnico di Milano, Italy), Marcel Broersma (University of Groningen, The Netherlands), Michele Elam (Stanford University, USA), Paul Timmers (Digital Enlightenment Forum) )
Moderator: Carlo Ghezzi (Politecnico di Milano, Italy)