Natürlich hatte keiner der Anwesenden Zweifel an Notwendigkeit oder Sinn digitaler Technologien. Dennoch: Die Diskussionsrunde am Montagabend in der Urania legte den Finger in die Wunde. Einer durchdigitalisierten Bildung, von der wir in Österreich immer noch weit entfernt sind, fehlt die menschliche Wärme.

Zwei Mädchen gehen nebeneinander durch eine Eingangstür in ein Gebäude und auf eine Treppe zu. Die Mädchen tragen Schulranzen oder Tornister. Das Mädchen links im Bild trägt eine dunelblaue Winterjacke mit Kapuze und Fellkragen, der Schulranzen ist türkis und wie ein Rücksack. Eine Art Alidin ist in Comiczeichnung darauf abgebildet. Das Mädchen rechts im Bild trägt einen hellrosa wattierten Winterparka mit Kapuze und einen leuchtend pinken Rucksack bw. Schulranzen ebenfalls mit einer Szene aus einem Zeichentrickfilm. Die Mädchen tragen Jeans. - © APAweb / HERBERT NEUBAUER
Unterricht via Zoom ist kein Ersatz für unmittelbare gemeinsame Erfahrungen. Bei der Diskussion im Rahmen der Reihe "Digitaler Humanismus" suchten Bildungsexperten nach Lösungen für die Defizite der Digitalisierung.  - © APAweb / HERBERT NEUBAUER

Nicht nur die Wärme der Hinwendung, sondern auch die Wärme oder besser Hitze kontroverser Debatten und der Auseinandersetzung mit Meinungen, die man selbst nicht teilt. "Videoübertragungen zeigen uns seit Monaten, dass digitale Medien die direkte Interaktion mit einem Gegenüber nicht ersetzen können", so Ruth Mateus-Berr. Sie befürchtet, die Digitalisierung könnte Menschlichkeit und Empathie tilgen: "Beides lernen wir nur in echten Begegnungen."

Freiräume eröffnen

Als "Art & Design Educator" der Universität für Angewandte Kunst war Ruth Mateus-Berr gemeinsam mit Hannes Androsch, dem ehemaligem Vizekanzler und Mitinitiator des Bildungsvolksbegehrens, und der Bildungspsychologin Christiane Spiel, Professorin an der Universität Wien, bei der zweiten Diskussionsrunde der Reihe "Digitaler Humanismus" zu Gast.

In dieser zweiten Runde ging es um das Thema Bildung. Eingeladen hatten die Universität für Angewandte Kunst, die Wienbibliothek im Rathaus und die "Wiener Zeitung".

Christiane Spiel verbindet mit den digitalen Technologien große Hoffnungen, bei aller Kritik: Zumindest theoretisch könnte es möglich werden, den Schülern mehr Freiraum zu lassen, sich Wissen selbst anzueignen. Die Pädagogen könnten Coaches sein, die bei Fragen und Problemen für die Kinder da sind und individueller auf ihre Schüler eingehen. "Die Schule sollte der Ort sein, an dem die Lernerfahrungen möglich werden, die in einer digitalisierten Welt wichtig sind: Teamfähigkeit, Solidarität, die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen und Meinungen anderer, Neugier und Kreativität."

Dass die Realität oft anders aussieht, weiß Bildungspsychologin Spiel allerdings auch. Die Debatte drehe sich zu oft um die Vermittlung von technologischen Skills. "Digitalisierung ist aber kein Selbstzweck." Hannes Androsch, ehemaliger Vizekanzler, formulierte es so: "Die Digitalisierung kann nicht unsere Werte bestimmen, das kann nur eine humanistische Bildung." Die Schule, so Androsch, konzentriere sich gegenwärtig aber auf die "Wissensdressur" und versage bislang bei der Aufgabe, Kinder zu lehren, wie man lernt. Seine bittere Bilanz: "Unser rückständiges Schulsystem hat schon vor Corona die soziale Ungleichheit weiter verschärft, statt Chancengleichheit zu schaffen. Auf diese Weise können wir aus der Digitalisierung keinen Nutzen ziehen in einem humanistischen Sinne."

Von Moderatorin Judith Belfkih, stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung" gefragt, was denn jede und jeder der Diskutanten ändern würde, wenn sie oder er nur eine einzige Sache verändern könnte, nannte Androsch die "Ganztagesbetreuung für alle Schulstufen". Um diese entsprechend zu gestalten, bräuchten die Schulen allerdings auch Autonomie. "Jede Schule ist anders und muss auf andere Herausforderungen reagieren können."

Benachteiligung ausgleichen

Psychologin Spiel würde den "Elementarbereich stärken" und auf diese Weise versuchen, soziale Nachteile auszugleichen. "So kommen die Kinder ganz anders vorbereitet in die Volksschule", hofft sie. Für Kunstpädagogin Mateus-Berr ist es an der Zeit, auch in der Schule vermehrt fächerübergreifende Projekte zu entwickeln, in denen die Schüler gemeinsam arbeiten. "Es wäre schön, wenn österreichische Schüler wie in Finnland einmal im Jahr an einem interdisziplinären Projekt arbeiten könnten."

Judith Belfkih fand abschließend zu den einleitenden Worten von Anita Eichinger, Direktorin der Wienbibliothek, zurück. Eichinger hatte auf die Gestaltbarkeit der Digitalisierung verwiesen. Belfkih: "Ich wünsche mir, dass wir diesen Prozess gemeinsam gestalten und nicht einfach als gegeben hinnehmen."