Urknall, Medientechnologie und kosmische Strahlung: Peter Weibel am Donaufestival in Krems. - © Christian Wind
Urknall, Medientechnologie und kosmische Strahlung: Peter Weibel am Donaufestival in Krems. - © Christian Wind

Sicher, das mit dem Rocken hat sich nach ungeschickten Interview-Aussagen des Alphatiers Peter Weibel hinsichtlich seiner Band dann ganz schnell erledigt. Zwar hätte der Tausendsassa zwischen Kunst, Medientheorie und allem, was man sonst noch mitnehmen kann, zur Eröffnung des diesjährigen Donaufestivals in der ehemaligen Minoritenkirche Krems-Stein auch daran erinnern sollen, dass sein Hotel Morphila Orchester ihm einst tatsächlich sehr gut Songs zur Verfügung stellte - zu denen Weibel als Textmeister und Bühnenzentralmittelpunkt nicht nur Kontaktanzeigen aus der "Kronen Zeitung" ("Sex in der Stadt") zum Besten gab oder in bemühtem Englisch den Saubartel mimte: "Married women feel my cock / when I’m dancing with you the rock!"

Zimmerlauter Noise

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Nachdem ihm seine nicht ganz zu Unrecht wohl etwas eingeschnappte Band die Gefolgschaft verweigerte, kam es am Donaufestival dann allerdings zu einem Crashkurs in Sachen der von Weibel als Vorstand des Karlsruher ZKM vermittelten Pole Kunst und Medientechnologie. Im - verglichen mit bisherigen Donaufestival-Auftakt-Acts wie etwa James Blake vor zwei Jahren nicht ganz so kuschelig vollen, im Gegensatz zu den traurig verlassenen Resthallen des Eröffnungstags aber ganz anständig besuchten - Klangraum ließ der von einer Sporttänzerin absolvierte erste Akt unter audiovisuellen Vorzeichen allerdings schon eines vermuten: Womöglich musste die ZKM-Belegschaft in ihrer Ausnahmerolle als SOKO Krems gegen Ende der Produktionsplanung noch etwas stärker rotieren, um das mangels Band knappere Programm gestreckt über die Bühne zu bringen.

Peter Weibel setzte im Rahmen seines ersten Eigenbeitrags zu diesem "3D-Rausch-Konzert" ein unechtes Jo-Jo auf dem Bildschirm über ihm mit einer echten Schnur in Bewegung. Real, digital, phänomenal. Programmatisch: Nicht Peter Weibel kam zur Schnur. Die Schnur kam zu Peter Weibel. Im Hintergrund entfesselten sich dazu donnernde Soundscapes in angenehmer Zimmerlautstärke, die die im Weiteren erfolgte Theoretisierung des Forschungsgebiets Noise, Lärm und kosmisches Rauschen doch etwas Lügen strafte. Peter Weibel darf nicht Merzbow werden! Er darf im Rahmen einer Lehrstunde über den Ursprung aller Dinge für uns für den Urknall viel zu junge Leute aber fest in die Schreibmaschine klopfen. Die klingt, wie Peter Weibel selbst sprechen würde - schnell, sprunghaft, abgehackt -, nur mit dem Unterschied, dass am Ende der live mitverfolgbaren Textarbeit alle Silben erhalten bleiben.

Tuckern und Pluckern


Selbst auf die einen Elektrobeat absondernde Trommel klopfend und an der Geige und Querflöte spielenden Verfremdungsgitarre aktiv, definierte der Herr Kunstprofessor gegen Ende noch den ihm inhärenten Spielwiesendrang eines ewigen Kindes, während mit dem theoretischen Rock des 2011er-Revivals "Wir sind Daten" im Vollplayback und mit Peter Weibel irgendwo draußen in Stein auch das Hotel Morphila Orchester noch ansatzweise zu Ehren kam.

Im Anschluss galt es, Konzerte der zwischen abstraktem Gebell, tanzbarem Mehrwert und Donnerwetter arbeitenden Bastards Of Fate oder der in New York aus unerfindlichen Gründen angesagten Nervensägen Zs zu überstehen. Allgemeinverträglicher das zum selbstgebauten Instrument neigende Duo Buke and Gase oder Portishead-Mann Geoff Barrow, der mit seinem gespensternden Krautrock-Projekt Beak standesgemäß für den Headliner aufwärmte: Mit Michael Rother von Neu! erinnerte ein diesbezüglicher Miterfinder an die Avantgarde von 1972.

Süßliche, akut romantische Melodien und repetitive Grundmuster, die per Laptop verstärkt elektronisch-maschinell tuckerten und pluckerten, brachten die ebenso lange wie längliche Nacht zwar in Richtung Happy End. Frei nach Peter Weibel war ein gewisser Hospitals-Charakter des Kremser Eröffnungstags aber nicht ganz von der Hand zu weisen.