Bundeskanzler Sebastian Kurz bei einem Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Brüssel.  - © Bundeskanzleramt / Dragan Tatic
Bundeskanzler Sebastian Kurz bei einem Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Brüssel.  - © Bundeskanzleramt / Dragan Tatic

Europa ist nichts für Feiglinge. Dazu muss man nur unter EU-Kritikern für die Sache der Union argumentieren und umgekehrt. Feiglinge halten es dagegen für mutig, unter ihresgleichen ihre Meinung zu sagen. Das ist okay, aber wo sich alle einig sind, ist nie etwas los.

Gott sei dank kann niemand ernsthaft behaupten, dass sich in der EU alle einig wären. Das macht die Sache auch so aufregend. Wobei man schon sagen muss: Es gibt Menschen, die finden, dass man es mit der Aufregung auch übertreiben kann. Aber das Leben ist nun einmal kein Wunschzettel.

Also steht die Eurozone wegen Italien schon wieder vor der Möglichkeit einer existentiellen Krise; und wie das mit Spanien weitergeht, das gerade dabei war, die Folgen der ersten abzuschütteln, weiß auch niemand. Dringend gebraucht hätten wir weder das eine noch das andere. Nichts für schwache Nerven ist auch der Brexit. Dass sich das für Europa lebenswichtige Bündnis mit den USA auf Achterbahnfahrt befindet, passt zu diesem vagen Gefühl stetiger Überforderung, das uns momentan überall hinbegleitet.

Chaos, Zwist und Hader

In diesen Zeiten der Irrungen und Verwirrungen übernimmt nun Österreich ab 1. Juli die Präsidentschaft der EU. Wobei "Präsidentschaft" nach mehr klingt, als es ist. Schließlich existiert seit der Installierung eines ständigen Ratspräsidenten 2009 eine fixe Stabsstelle samt Beamtenapparat in Brüssel, der wesentliche Koordinierungs- und Organisationsarbeiten übernimmt. Der halbjährlich wechselnde Vorsitz hat dadurch erheblich an Gestaltungsmacht eingebüßt. Übrigens auch an Möglichkeiten, Chaos, Zwist und Hader unter den Mitgliedern zu stiften.

Aber damit haben wir Österreicher ohnehin nichts am Hut. Weil wir nämlich Brückenbauer sein wollen, und zwar aus Leidenschaft und Überzeugung zugleich. Ganz falsch ist das sicher nicht. Dafür spricht schon unsere Lage im Zentrum der Union an den geografischen wie soziokulturellen Schnittstellen von Ost und West, Nord und Süd. Oder anders formuliert: Im Österreicher-Sein vereinen sich nicht nur die Gegensätze protestantischer Prinzipienreiterei mit der katholischen Einstellung, dass wer Vergebung sucht, zuerst einmal sündigen muss, sondern auch all jene Widersprüche zwischen zwei Leben auf den beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Und da ist jetzt noch gar keine Rede von unserer Balkan-Expertise, die zweifellos damit zusammenhängt, dass dieser gleich hinter dem Wiener Südbahnhof beginnen soll, wie Prinz Eugen einst behauptete. Oder doch schon ab Salzburg? Und klein sind wir außerdem, jedenfalls nicht groß genug, um ernsthaft Misstrauen zu wecken, und wir gehören auch keiner der großen Allianzen in der Union fix an. Das ist oft ein Nachteil, aber womöglich hilft es uns jetzt beim Vermitteln und Moderieren als EU-Vorsitzland.