Schutzbund nicht vorbereitet

Der Schutzbund ist auf den Aufstand nicht vorbereitet. Nach der Stromabschaltung durch die streikenden Elektrizitätsarbeiter fällt auch das Telefon aus. Botengänger kommen durch die Sperren des Bundesheeres nicht mehr durch. Wo die Schutzbündler kämpfen, im Heiligenstädter Karl-Marx-Hof, im Floridsdorfer Schlingerhof, an vielen Stellen in Wien und im Osten und Süden Österreichs, tun sie es auf verlorenem Posten, auf sich allein gestellt, an manchen Stellen tagelang. Wer hätte den Mut, ihnen im Nachhinein bessere Vorbereitung, bessere Kommunikation, ein längeres Aushalten zu wünschen - das nur noch mehr Blutvergießen bedeutet hätte?

Der Aufstand hatte keine Chance. Für das Selbstverständnis der Sozialdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg war das Heldenepos des 12. Februar 1934 von höchster Wichtigkeit. Aber hätten sich die Führer des Ständestaates ohne die Gräben und die Gräber des 12. Februar einer der mächtigsten Ressourcen im Abwehrkampf gegen Hitler, der Arbeiterschaft und ihrer Partei, nicht vielleicht doch bedient?

Plansoll an Beschimpfungen

Der Bürgerkrieg kostete rund 300 Tote. Neun Sozialisten wurden hingerichtet, rund 10.000 eingesperrt. Zahllose Familien standen vor dem Nichts. Die in die Sowjetunion geflohenen Schutzbündler, mit den Familienmitgliedern rund 1.000 Menschen, wurden zwar gefeiert, hatten aber bald ein immer höheres Plansoll an Beschimpfungen ihrer einstigen Führer zu erfüllen. Manche kehrten heim, trotz der drohenden Strafen. Andere fielen im Spanischen Bürgerkrieg, gerieten in die große stalinistische Säuberung oder zwischen die Mühlsteine des Hitler-Stalin-Paktes oder fielen später in der Roten Armee. Mehrere wurden bei Brest-Litowsk vom NKWD Hitlers Gestapo übergeben.

Gustav Deutsch, der wegen seiner Begeisterung für die Sowjetunion in Konflikt mit seinem Vater Julius Deutsch geraten war, wurde an einem Sommertag des Jahres 1939 verurteilt und erschossen. Seine Frau verbüßte acht Jahre Lager. Heinz Roscher, als Schutzbundkommandant von Floridsdorf eine Schlüsselfigur der Februarkämpfe und der Schutzbund-Emigranten in der Sowjetunion, wurde Anfang Februar 1938 gegen Mitternacht abgeholt. Er starb in der Haft an "Herzschwäche". Margarete Buber-Neumann traf auf einem Gefangenentransport drei oder vier Schutzbündler, deren Namen sie sich nicht merkte. Zwei Floridsdorfer "Schutzbundkinder", mittlerweile 17 oder 18 Jahre alt, wurden von einem Schutzbundobmann in einem Durchgangslager in Swerdlowsk gesehen, wo eine ganze Kinderkolonie den Weg ins Lager antrat. (Nachzulesen bei Karl R. Stadler, "Opfer verlorener Zeiten - Geschichte der Schutzbundemigration 1934", Wien 1974).

Andere verschlug es zumindest geographisch in die ganz andere Richtung. Richard Bernaschek konnte, wie berichtet, in der Nacht auf den 3. April 1934 mit zwei Genossen aus dem Gefängnis nach Deutschland fliehen. Er wurde später von den Nazis in Mauthausen ermordet. Sein Begleiter Otto Huschka machte nach dem Krieg bei der FPÖ Karriere.

Der dritte Entflohene hieß Franz Schlagin und musste sich Ende März 1949 vor dem Linzer Volksgericht wegen Hochverrat verantworten, weil er in Deutschland in Hitlers "Österreichische Legion" eingetreten war. Mit Bernaschek am 12. Februar 1934 im Hotel Schiff gefangen genommen, hatte er, wie er dem Gericht erklärte, die Todes- oder eine langjährige Kerkerstrafe vor Augen, als ihm der Justizwachebeamte und illegale Nationalsozialist Karl Dobler die Möglichkeit eröffnete, nach Deutschland zu fliehen.

Er marschierte 1938 siegreich in Linz ein, wo er es 1942 zum Gaurevisor von "Oberdonau" im wohlklingenden Rang eines Gauhauptstellenleiters brachte. Da ihm sonst nichts zur Last lag, gelangte das Gericht zur Ansicht, das Angebot zur Flucht sei in der gegebenen Situation unwiderstehlich gewesen und fällte einen glatten Freispruch.