"Wiener Zeitung": Sie sind im Kraxental in Garsten nahe Steyr aufgewachsen. Wie waren in den 1930er Jahren die Lebensbedingungen?

Franz Weiss: Wir haben in einem sogenannten Reithoffer-Haus gewohnt. Diese wurden 1916 während der Hochkonjunktur der Gummi- und Reifenerzeugung von den Reithoffer-Werken für die Arbeiter gebaut. Es gab darin rund 140 Wohnungen. Die Miete der Wohnung war an sich für einen Arbeiter leistbar, es gab aber auch sehr viele Tuberkulose-Kranke, die Krankheit gehörte damals fast zum Milieu dazu. Von den acht Parteien in unserem Haus waren zwei Väter lungenkrank.

Meine Eltern, mein älterer Bruder, meine Schwester und ich haben in einer Drei-Zimmer-Wohnung gewohnt. Die Lebensbedingungen waren damals im Verhältnis vergleichsweise besser als anderswo.

Viele Arbeiter lebten damals mit ihren Familien auch in Baracken
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Ja, vor allem auf der Ennsleite. Dort wurden während des  Krieges Barracken als Notunterkünfte für die Arbeiter gebaut, danach hat diese eine Wohnungsgesellschaft der Steyr-Werke verwaltet. Die hat sie dann als Mietwohnungen weiter gegeben. Die Barracken waren kalt und schwer zu heizen.

Im Unterschied dazu haben wir in einem guten Arbeitermilieu gewohnt. Es gab eine Wohnküche, mit ungefähr 14 Quadratmetern, ein Schlafzimmer, das in etwa auch so groß war, und ein Kabinett von rund neun Quadratmetern. Hier haben wir Kinder geschlafen - auf Strohsäcken. Es gab dort noch einen Platz für ein kleines Tischerl, damit wir dort lernen konnten. Unsere Kleidung hatte die Mutter im Schlafzimmerschrank aufbewahrt, den Rest haben wir auf die Türe gehängt. So viel haben wir eh nicht gehabt damals. Das waren stabile, gesunde Ziegelhäuser, aber natürlich klein, eine Bassena gab es in jedem Stock mit einer Wasserleitung, das Vorhaus war verfließt, ein Klo für beide Parteien im Halbstock. Das war für die damalige Zeit ein riesen Fortschritt.

Die Februarkämpfe sind auch in Steyr nicht einfach so ausgebrochen. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit davor?

Schon vorher musste man Angst haben, wenn man das Falsche sagte. Mein Vater ist bei Versammlungen einige Male direkt vom Podium weg verhaftet worden und am Fisolenberg [heute Berggasse] ins Gefängnis gekommen. Am nächsten Tag haben sie ihn dann wieder ausgelassen. Das war üblich, bei jeder Versammlung war ein Spion der Staatspolizei dabei.  Nur damit Sie wissen: ich hab schon als Kind mitgekriegt, was  außerhalb unseres Lebensmilieus passiert ist und wie sich manches abgespielt hat. Wir sind so aufgewachsen, dass wir zwischen rot und schwarz unterschieden haben. Die Roten waren die minder bemittelten, die am liebsten keine Arbeit  kriegen sollten, und die anderen, das waren die Begüterten, die Reichen. Da haben wir oft Raufereien gehabt. Wir haben uns ausgekannt, weil daheim darüber geredet wurde. So hat mein Vater immer Zeitschriften mit nach Hause gebracht und mit meiner Mutter über die Vorkommnisse in der Arbeit oder im politischen Leben gesprochen.

Im Februar 1934 waren Sie 13 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Ich war der Letzte, der meinen Vater gesehen hat. Ich bin mit ihm von Kraxental nach Steyr gegangen. Nachdem die Reithoffer-Werke gesperrt worden waren, hat er bei der Gebietskrankenkasse in Linz gearbeitet. Er wurde dort als Hausmeister angestellt, hat drüben ein kleines Zimmer gehabt und ist jede Wochen nach Linz gefahren. Als wir am Abend am Weg zum Bahnhof waren, hat er gesagt:  "Franzl, bleibst morgen daheim, passt's auf die Mutter auf und geht nicht fort. Weil es passiert was." "Vater, was soll denn passieren?", hab ich ihn gefragt. "Das kann ich dir nicht sagen, das wirst du eh morgen sehen." Er hat schon gewusst, dass es morgen losgeht, und die Polizei wird's wahrscheinlich auch schon gewusst haben, durch die Telefonate, die sie abgehört haben. Darum gab es auch gleich in der Früh eine Razzia [im Hotel Schiff in Linz].