Das heißt, die restaurativ halbfaschistischen Kräfte konnten sich jetzt sozusagen auf die kirchliche Verdammung stützen. Die Roten waren nicht nur die Roten, sondern sie waren der Teufel. Die Mehrheit der Pfarren waren daraufhin die Verbreiter des absoluten Hasses und vor allem der absoluten Furcht vor den Roten, was besonders bei den Leuten angekommen ist, die ohnehin nie einen Roten gesehen haben in ihrem ländlichen Bereich. Da hat also die Kirche eine ganz unheilvolle Rolle gespielt, denn der Austrofaschismus konnte sich auf päpstliche Vorgaben stützen.

Was bleibt vom Ständestaat?

Es ist heute noch immer ein stark ständisches Denken da. Und das, obwohl sich die Situation grundlegend verändert hat. In den 1930er Jahren arbeitete mehr als ein Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft, wesentlich mehr in der Industrie, der Rest gar nicht oder im Gewerbe. Die Idee des ständischen Ausgleichs hatte eine gewisse materielle Basis, die heute in der Form nicht mehr existiert. Aber Institutionen dieses ständischen Denkens sind noch immer da. Etwa ein Stand, der heute drei Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist der Bauernbund. Der hat unverhältnismäßig großen Einfluss, sowohl personell als auch wirtschaftlich auf die Politik. Es gibt nach wie vor den ÖVP-Bauernbund, es gibt nach wie vor die Landwirtschaftskammern. In Wirklichkeit ist das aber ein krasses Minderheitenprogramm. Sie tun aber so, als ob sie von der Anzahl her gleichwertig wären.

Die Arbeitnehmer sind heute hingegen in einer Kammer vereinigt. Da stoßen gegensätzliche Interessen aufeinander. Man muss vom Ladenverkäufer bis zum Ingenieur alle unter einen Hut bringen. Das lässt sich nicht mehr leicht in einer Interessenvertretung bündeln. Daher ist
eine Institutionenrevision die Schlussfolgerung aus dem Danebengehen der ständischen Vertretungen des Ständestaates. Es müsste da andere Formen geben.