• vom 12.02.2004, 00:00 Uhr

Februar 1934

Update: 06.02.2018, 14:59 Uhr

Februarkämpfe

Brünn 1934: Die Geschlagenen im Exil




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Von Michael Schmölzer

  • Februar-Aufstand: Die Tschechoslowakei wird zum Ausgangspunkt des "revolutionären Widerstandes" der SDAP.

Die blutigen Ereignisse rund um die Niederschlagung des sozialdemokratischen Aufstandes in den Februartagen 1934 sorgten in der Tschechoslowakei als dem nördlichen Nachbarland Österreichs für ungeheure Aufregung. Dort war man damals aber nicht nur indirekt vom Bürgerkrieg in Österreich betroffen. Sowohl die Anführer der Österreichischen Sozialistischen Arbeiterpartei (SDAP) wie auch versprengte Schutzbündler flohen über die Grenze in das einzig demokratisch regierte Land Mitteleuropas. Brünn wurde in Folge zu einem organisatorischen Zentrum des Widerstandes, wo die nunmehr illegale "Arbeiter Zeitung" gedruckt wurde.

Otto Bauer, in den schicksalshaften Tagen des Februar 1934 einer der führenden Männer der SDAP, war zumindest kein Haudegen, da sind sich Historiker einig. Bis zum Schluss gegen eine bewaffnete Auseinandersetzung, gelang es dem Politiker und beredten austromarxisitischen Theoretiker aber nicht, das Blutvergießen abzuwenden.

Als die Kämpfe, die in der Arbeiter-Hochburg Linz ihren Ausgang nahmen, auf Wien übergriffen, befand sich ein Teil der sozialdemokratischen Führung - so auch Otto Bauer - im Favoritner Ahornhof. Noch bevor das Gebäude von Einheiten der Heimwehr und des Bundesheeres umstellt werden konnte, entschlossen sich Bauer wie der Leiter des Republikanischen Schutzbundes, Julius Deutsch, zur Flucht: Der damalige tschechische Botschafter, Zdenek Fierlinger, stellte einen Wagen zur Verfügung, mit dem sich Bauer - widerstrebend, wie Zeitzeugen berichten, - zunächst in die slowakische Metropole Bratislava schleusen ließ. Später sammelte sich die illegale österreichische Sozialdemokratie in Brünn, um dort die verschiedenen Splittergruppen zu koordinieren und die illegale "Arbeiter Zeitung" zu drucken. Die Tschechoslowakei gewährte den Versprengten zunächst bereitwillig Asyl.

Keine Alternative

In ein anderes mitteleuropäisches Land hätten Bauer und andere führende Genossen kaum gehen können, denn das autoritär regierte Österreich war im Jahr 1934 selbst von Diktaturen umzingelt. In Deutschland war Hitler an die Macht gekommen, in Ungarn herrschte Horthy, Italien stand seit langem unter der Knute Mussolinis, in Jugoslawien hatte König Alexander I. fünf Jahre zuvor die Verfassung außer Kraft gesetzt. Allein die Tschechoslowakei hielt als liberales "Bollwerk" an der Demokratie fest.

Die Flucht der sozialdemokratischen Führung versetzte die Tschechen jedenfalls gehörig in Aufregung und sorgte für kontroversielle Diskussion. Wobei viele, die sonst der Arbeiterbewegung wohl gesonnen waren, die "Absetzbewegung" Bauers kritisierten. So auch das "Prager Tagblatt", das führende deutschsprachige Medium im Prag jener Tage: Eine Anekdote Friedrich Torbergs, nachzulesen in seiner "Tante Jolesch", gibt Auskunft sowohl über Wesensmerkmale damaliger Journalisten wie auch über die gnadenlose Kritik, die sich der geflohene Otto Bauer gefallen lassen musste.

"Entsetzliches Chaos"

Das "Prager Tagblatt", so schreibt Torberg, nahm die Flucht der sozialdemokratischen Spitze zum Anlass für einen geharnischten Leitartikel. Die Feder führte dabei der Herausgeber Rudolf Keller höchstpersönlich. Er warf den Führern der Sozialdemokratie vor, sich abgesetzt zu haben, während die verlassenen Schutzbündler auf den Barrikaden standen und starben. Tags darauf sei eine Abordnung der im Prager Parlament vertretenen Deutschen Sozialdemokratischen Partei bei Keller erschien, um zu protestieren. Der für seine Zerstreutheit bekannte Mann hörte sich die Vorwürfen an, um zu replizieren (Zitat Torberg):

"Meine Herren, Sie wissen doch, wie es in einer Redaktion zugeht - besonders an einem so aufregenden Tag - da herrscht ein entsetzliches Durcheinander - die Meldungen überstürzen sich - man weiß gar nicht, wo man zuerst hinhören soll - meine Herren: da kann es schon passieren, dass man einmal die Wahrheit schreibt."

Der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Charles Adam Gulick, der sich zwei Jahre nach den Februar-Ereignissen in Österreich umtat und die Geschehnisse des Aufstandes genau recherchiert hat, ließ die SDAP-Spitze dagegen ungeschoren. Er konnte allerdings bereits im Jahr 1948 die amerikanische Öffentlichkeit in einem monumentalen zweibändigen Werk über die Bedeutung des tschechischen Exils für die österreichische Sozialdemokratie informieren. Demnach versammelten sich viele verzweifelte "Rote" ab Februar in Brünn, um nach dem vernichtenden Desaster die weitere Vorgehensweise festzulegen.

Konferenz in Blansko

Die Grundprinzipien der illegalen Sozialdemokratie wurden dabei in einer Zusammenkunft beschlossen, die als "Wiener Konferenz" bekannt wurde. Ein Irrtum, wie Gulick schreibt, denn in Wahrheit fand das Treffen in der südmährischen Kleinstadt Blansko, 30 Kilometer von Brünn entfernt, statt. Und dort wurde nicht nur beschlossen, dass die Sozialdemokratie mit "revolutionären Mitteln" kämpfen werde. Die Genossen, so berichtet Gulick, dessen Sympathien eindeutig auf Seiten der Arbeiterbewegung waren, hatten nach den Februar-Erfahrungen vorerst den Glauben an die Demokratie verloren und gedachten, nach der Überwältigung des Faschismus in Österreich eine "revolutionäre Diktatur" zu errichten.

Hilfe und Schikanen

Auch die deutschsprachige tschechoslowakische Sozialdemokratie spielte während und nach den Februartagen 1934 eine nicht unwesentliche Rolle, wie in der oben erwähnten Torberg-Anekdote bereits angeklungen ist: Es gab Solidaritätskundgebungen im ganzen Land, Mitglieder der sozialdemokratischen "Republikanischen Wehr" fuhren an die Grenze, um geflüchteten und verwundeten Schutzbündlern zu helfen. Den entkommenen Sozialdemokraten wurde finanziell unter die Arme gegriffen und das Erscheinen der "Arbeiter Zeitung" ermöglicht.

Die tschechischen Behörden waren in der Folge weit weniger hilfreich: Unter dem Druck rechter Lobbys und dem Drängen des autoritären Regimes in Wien wurde Otto Bauer im März 1937 in eine Polizeidirektion zitiert, wo er seine Unterschrift unter folgende Erklärung setzen musste:

"Herr Dr. Otto Bauer als führende Persönlichkeit der österreichischen sozialdemokratischen Emigration in Brünn wird aufmerksam gemacht, dass, falls nur noch einmal festgestellt werden sollte, dass die "Arbeiter-Zeitung" oder irgend eine andere von der Österreichischen sozial-demokratischen Emigration herausgegebene Zeitschrift nach Österreich versandt wird, die ganze österreichische Emigration in der ganzen Republik zerschlagen (wörtlich "zerworfen", Anm.) wird." Zuvor waren hunderttausende Exemplare der "Arbeiter-Zeitung", Flugblätter und Aufkleber unter Beteiligung tschechischer Sozialdemokraten illegal nach Österreich geschmuggelt worden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2004-02-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2018-02-06 14:59:39






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