• vom 12.02.2004, 00:00 Uhr

Februar 1934

Update: 06.02.2018, 15:00 Uhr

Geschichte

1934: Alles oder nichts




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Von Hellmut Butterweck

  • Vor 70 Jahren schossen Österreicher auf Landsleute: Ein Ereignis, das die politischen Lager bis heute trennt.

Die jüngsten Überlebenden der Februarkämpfe des Jahres 1934 sind heute an die 90 Jahre alt. Die Zeiten, da sofort die Emotionen hochgingen, wenn die Rede auf den 12. Februar kam, sind vorbei. Trotzdem ist er noch immer der wundeste Punkt in der Beziehungsgeschichte der beiden großen politischen Lager.

Wie konnte es in Österreich, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg einen Ruf als Insel der Seligen erwarb, zum Bürgerkrieg kommen? Wie konnte es dazu kommen, dass Arbeiter die versteckten Gewehre und Maschinengewehre ausgruben, dass das Bundesheer mit Artillerie auf die Wiener Gemeindebauten schoss, nicht nur auf Aufständische, sondern auch auf Frauen und Kinder?

Keine Zeit des Konsens

Die zwei Jahrzehnte zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg waren in ganz Europa keine Zeit des Konsens. Sie waren Alles-oder-nichts-Zeiten. 1918 gab es in Europa plötzlich eine Reihe junger Republiken ohne Erfahrung mit Demokratie. Die Sozialisten hatten die Demokratie auf ihre Fahnen geschrieben, doch sahen viele in ihr nur ein Durchgangsstadium zum Sozialismus. Ihre Führer mussten sich dagegen wehren, von den Bürgerlichen mit den Kommunisten in einen Topf geworfen zu werden und die Arbeiterschaft, in der viele mit den Kommunisten liebäugelten, mit radikalen Reden bei der Stange halten.

Rechts gab es Katholiken und Nationale, Konservative aller Spielarten, Monarchisten, halbe und ganze Faschisten, viele Vorstellungen vom starken autoritären Staat und viel Hass und Misstrauen gegen die Sozialisten.

Eingefrorenes Ritual

Als Bundeskanzler Engelbert Dollfuß die Parlamentspanne vom 4. März 1933 dazu benützte, den autoritären Ständestaat zu errichten, war Österreich zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien eingeklemmt, auch Ungarn und Jugoslawien hatten autoritäre Regimes, die einzigen demokratischen Nachbarn waren die Schweiz und die Tschechoslowakei. Die Debatte, ob Engelbert Dollfuß die Demokratie freudig abschaffte oder sich mit dem Revolver des Heimwehrgrafen Starhemberg im Rücken und den Wahlsieg der Nazis vor Augen widerstrebend dazu gezwungen sah, hat längst Züge eines eingefrorenen Rituals.

Die historischen Fakten sprechen ihre eigene Sprache und erzählen die ganze Geschichte. Wer die Wirklichkeit in eine einheitliche Farbe tauchen will, muss welche weglassen. Die Konservativen tun sich nach wie vor mit dem Dollfuß schwer, der die Sozialdemokraten bis zur totalen Verzweiflung in die Ecke trieb und dann mit dem Bundesheer erledigte. Die Linke tut sich mit dem eingeschworenen Hitlergegner Dollfuß und mit dem Begriff des Märtyrers schwer. Dollfuß hat aber nun einmal die Sozialdemokraten, die stärkste Partei, aus dem Parlament gejagt und dann zusammengeschossen, und er wurde nun einmal wenige Monate nach dem 12. Februar, am 25. Juli 1934, von den Nazis, die die Macht im Staat an sich reißen wollten, ermordet.

Einmal Hitler getrotzt

Das Bundesheer hat nun einmal zur größten Verblüffung der Nazis, die das Militär auf ihrer Seite sahen, nicht nur den sozialdemokratischen, sondern auch den Nazi-Aufstand niedergeschlagen und einem Hitler, den man selten so zornig gesehen hatte, getrotzt. Der Mann, unter dem dann Österreich den braunen Bach runterging, hieß nun einmal nicht Dollfuß. Doch das ist eine andere Geschichte.

Nach dem 5. März 1933 wird bald erkennbar, dass Engelbert Dollfuß das Land ohne die Sozialdemokraten führen will. Die Sozialdemokraten wollen über die "Lösung der Parlamentskrise" verhandeln, wozu es nie kommt. Die Würfel sind unwiderruflich gefallen. Der Staat, der nun entsteht, hat einiges mit dem Faschismus Mussolinis gemeinsam, an den sich Dollfuß anlehnt, aber wenig mit Hitlers Nazistaat. Er ist primär katholisch und nicht faschistisch, daher fehlt ihm die spezifisch faschistische Gewaltsamkeit. Dollfuß führt die Todesstrafe wieder ein, Österreich hat Anhaltelager, doch werden dort keine Menschen umgebracht.

Kein großmütiger Sieger

Ein großmütiger Sieger war Dollfuß aber auch nicht. Todesurteile wurden bei ihm unbarmherzig vollstreckt. Friedrich Funder, der ihn in einem Fall zu einem Gnadenakt überreden wollte, biss auf Granit.

Die sozialdemokratischen Führer sehen, wie Dollfuß, statt zu verhandeln, ihren Spielraum immer mehr einengt. Sie signalisieren Gesprächsbereitschaft. Der Bundeskanzler könnte sie in die Politik zurückholen, ohne die Blockade der Entscheidungsprozesse befürchten zu müssen, der er am 5. März 1933 ein Ende hatte machen wollen.

Theodor Körner warnt

Aber es ist eben die Zeit des Alles oder Nichts. Die Arbeiterführer wissen so gut wie ihre Gegner, dass ihre paramilitärische Organisation, der Republikanische Schutzbund, gegen das Bundesheer keine Chance hat. Auch der alte kaiserliche General Theodor Körner warnt. Doch falls es die Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, überhaupt noch gibt, schwindet sie von Woche zu Woche dahin.

In dieser Zwickmühle lässt der oberösterreichische Schutzbundführer Richard Bernaschek die Parteiführung wissen, dass er sich der geplanten Suche nach den im Linzer Hotel Schiff versteckten Waffen widersetzen wird. Ihre Telefongespräche werden abgehört. Der rabiate Flügel des Ständestaates, die Heimwehr unter dem Grafen Starhemberg, will sich die Gelegenheit zum Showdown nicht entgehen lassen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2004-02-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2018-02-06 15:00:36






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