Gefängnis und Hinrichtung:  Verhaftete Sozialdemokraten werden abtransportiert (Bild links). 
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Gefängnis und Hinrichtung:  Verhaftete Sozialdemokraten werden abtransportiert (Bild links).

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Der ehemalige Landwirtschaftsminister Engelbert Dollfuß musste als Bundeskanzler seit 1932 mit nur einer Stimme Mehrheit im Parlament auskommen, als auf Grund einer umstrittenen Abstimmung über einen Eisenbahnerstreik nacheinander alle drei Präsidenten des Nationalrates zurücktraten und der Nationalrat verhandlungsunfähig auseinanderging. Dollfuß und seine Berater nützten diese Geschäftsordnungskrise, um von einer "Selbstausschaltung des Parlaments" zu sprechen, obwohl dies keineswegs den Tatsachen entsprach, und mit Hilfe des "Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes" vom 24. Juni 1917 weiterzuregieren. Der bewusste Verfassungsbruch wurde auf anderen Ebenen fortgesetzt, da sich keine offensive Oppositionskraft fand: Der christlichsoziale Bundespräsident Wilhelm Miklas nützte seine Rechte nicht – trotz seiner rechtlichen Vorbehalte gegen die Vorgangsweise Dollfuß’ –, der Verfassungsgerichtshof wurde ebenfalls durch die Abberufung der christlichsozialen Mitglieder lahmgelegt.

Die sozialdemokratische Parteiführung konnte sich nicht zu einem offenen Widerstand gegen die Regierung Dollfuß entschließen, obwohl immer deutlicher wurde, dass Dollfuß sich eng an den italienischen Faschismus anlehnte. Er hoffte, dadurch außenpolitische Unterstützung gegen das Deutsche Reich zu erhalten, wo inzwischen Hitler an die Macht gekommen war und begann, sein nationalsozialistisches Regime zu etablieren. Selbst vor Waffenschmuggel in das halbfaschistische Ungarn schreckten die österreichischen Kontaktleute der paramilitärischen Heimwehr nicht zurück, wenn es nur gelang, dem italienischen Verbündeten dienstbar zu sein. Die "Arbeiter-Zeitung" und die sozialdemokratische Eisenbahnergewerkschaft deckten zwar den Schmuggel auf, doch hatte die Affäre, in die die Hirtenberger Patronenfabrik verwickelt war, keinerlei innenpolitische Konsequenzen – abgesehen von Protesten.

Suche nach Ausgleich

Selbst als nach den Gemeinderatswahlen vom 23. April 1933 in Innsbruck – die letzten demokratischen Wahlen in Österreich bis 1945 – Landtags- und Gemeindewahlen verboten wurden, da überraschend die NSDAP mit 40 Prozent zur stimmenstärksten Partei geworden war, gab es auf Seiten der sozialdemokratischen Funktionäre keinerlei Konsequenzen. Die Parteiführung um Otto Bauer war immer noch zum Ausgleich mit der Regierung bereit. Überdies waren sich militärische Experten wie der ehemalige k. u. k. General Theodor Körner bewusst, dass der "Schutzbund" eigentlich kein gleichwertiger Gegner für das österreichische Berufsheer und die Polizeikräfte war.