• vom 19.08.2013, 18:00 Uhr

Filmfestival Locarno

Update: 27.07.2017, 13:22 Uhr

Nachlese 2013

Casanova, wer sonst




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Von Alexandra Zawia und Matthias Greuling

  • Filmfestival Locarno
  • Das 66. Filmfest bekräftigte seinen Ruf als eines der wichtigsten der Welt.



Albert Serra (38) gewann den Goldenen Leoparden für "Historia de la meva mort".

Albert Serra (38) gewann den Goldenen Leoparden für "Historia de la meva mort".© Festival del film Locarno Albert Serra (38) gewann den Goldenen Leoparden für "Historia de la meva mort".© Festival del film Locarno

Mit dem Goldenen Leoparden an den Film "Historia de la meva mort" (etwa: "Die Geschichte meines Todes") des Katalanen Albert Serra zeigte sich beim diesjährigen Filmfestival in Locarno einmal mehr, wie stark es von einem lebendigen Diskurs getragen ist, der im Umfeld der für das Festival mittlerweile typischen, energisch entschlossenen Mischung aus Mainstream- und Arthousekino verschiedene Formen findet.

"Repariere nichts, das nicht gebrochen ist", hatte sich der neue künstlerische Leiter Carlo Chatrian als Prämisse gesetzt und am in wenigen Jahren etablierten Schema seines Vorgängers Olivier Pére nichts geändert: Für Auftritte vor und auf der großen Leinwand auf der imposanten Freiluft-Piazza waren zur Ehrenleoparden-Verleihung Stars wie Christopher Lee geladen, der bei seinem Auftritt glücklicherweise auch "Star Wars" erwähnte und das Publikum sofort auf seiner Seite hatte.


Affekt und Effekt
Aber ebenso Jacqueline Bisset und Faye Dunaway ließen an anderen Abenden ihren Hollywood-Glamour in personam erfolgreich funkeln, und Special-Effects-Guru Steve Trumbull eröffnete in einer seiner Vorlesungen, dass er an einer neuen Art des sogenannten "hyper-cinema" arbeite, das in Zukunft auf Imax-Screens in Bildern von 120 Frames per second gezeigt werden soll.



Andere Revelationen künstlerischer Art fanden sich im diesjährigen Filmprogramm ebenfalls; dass sich dabei der Mainstream-Effekt mit experimentellen Arbeiten in den internationalen Wettbewerben des Festivals mischt, passiert in Locarno immer wieder, und das meint nichts Schlechtes.

Dieses Jahr war es der Film "Short Term 12" in der Reihe Cineasti di presente, der vor Locarno bereits auf Festivals in den USA reüssiert hatte, der das Publikum (wie auch viele Kritiker) im Tessin eroberte. Regisseur Destin Creton erzählt darin von einem Heim für "verhaltensauffällige" oder allein gelassene Jugendliche und deren Betreuern, ihrem Alltag, aber auch von einem System, das nicht genügt und das sie nicht gewillt sind, hinzunehmen. Getragen von einem starken Schauspieler-Ensemble erhielt Brie Larson den Silbernen Leoparden als beste Darstellerin. Den Goldenen Leoparden in diesem Bewerb gewann allerdings der starke Film "Manakamana", der sich über zwei Stunden lang auf Figuren konzentriert, die in einem Cable Car fahren und der für den Zuseher plötzlich nicht weniger als eine völlig neue Sicht auf die Welt ermöglicht.

Radikale Freiheit



Stark berührte Joaquim Pintos Film "E Agora? Lembra-me", der im Wettbewerb mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Darin dokumentierte der ehemalige portugiesische Sounddesigner ein Jahr seines Lebens, das bestimmt ist vom Ausprobieren noch ungetesteter Medikamente gegen seine Aids-Erkrankung. Emotiv, aber unsentimental kreiert Pinto eine Collage aus privaten Erinnerungen, mit Arbeitssplittern und einer Stream-of-consciousness-Technik über eine Gesellschaftskultur im Wandel.

Von der veränderten Selbstwahrnehmung einer jungen Studentin und wie drei Männer in ihrem Leben (und viele Liter Soju) dazu beitragen, erzählte der Wettbewerbsbeitrag "U ri Sunhi", für den der Koreaner Hong Sang-soo als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.

Locarno, das ist auch die Geschichte einer lebendigen Kunstform, und sehr passend hat Regisseur Serra sich jede Freiheit herausgenommen, in seinem Film Casanova in den Übergang vom Rationalismus in die Romantik zu schicken, wo er, irgendwann in der Sphäre zwischen Aufklärung und Aberglauben, einmal auf Dracula trifft. Mit überraschend einfachen Tricks schafft Serra hier nicht nur eine ganz spezielle Filmsprache, sondern ihm gelingt es, Kino zu machen, das wie aus einer Zeit stammt, in der es Kino noch gar nicht gab.


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Dokument erstellt am 2013-08-19 16:29:03
Letzte Änderung am 2017-07-27 13:22:59



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