• vom 08.08.2014, 14:38 Uhr

Filmfestival Locarno

Update: 30.07.2015, 13:18 Uhr

Nachlese 2014

"Ich war der Brad Pitt der DDR"




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Von Matthias Greuling

  • Armin Mueller-Stahl, 83, über die Fesseln des Films, die Freiheit der Malerei und die Flüchtigkeit des Glücks.

Armin Mueller-Stahl hält Schauspieler für überbezahlt und widmet sich der Malerei.

Armin Mueller-Stahl hält Schauspieler für überbezahlt und widmet sich der Malerei.© Katharina Sartena Armin Mueller-Stahl hält Schauspieler für überbezahlt und widmet sich der Malerei.© Katharina Sartena

Locarno. Armin Mueller-Stahl ist ein wenig müde. Schließlich ist er, gemeinsam mit seiner Frau, gerade erst 1200 Kilometer mit dem Auto gefahren. Von Berlin nach Locarno, um sich hier seinen goldenen Ehrenleoparden abzuholen, für sein Lebenswerk. Doch hinter dem müden Antlitz stechen seine blitzblauen Augen hervor. "Ich fahre sehr gerne mit dem Auto", sagt der 83-jährige Schauspieler. "Erst kürzlich bin ich mit meiner Frau in Amerika von Key West bis Los Angeles gefahren. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit lehne ich ab: Rein in die Maschine, abheben, landen. Das ist sehr langweilig."

Schauspielkarriere beendet
Armin Mueller-Stahl braucht diese Selbstbestimmung, dieses Freiheitsgefühl. Schließlich hat der 1930 in Tilsit geborene Schauspieler bis 1980 in der DDR gelebt und Karriere gemacht, ehe seine Ausreise nach Westdeutschland genehmigt wurde. "Wenn Sie wissen, Sie werden überwacht, dann hören Sie irgendwann auf, darüber nachzudenken", sagt er. Freiheit, das ist für Mueller-Stahl das Entdecken der Welt, ohne Grenzen, ohne Limits. "Und ich genieße es, dass meine Frau mit dabei ist, denn dann muss ich ihr nicht erklären, was ich alles gesehen habe."


Dass Armin Mueller-Stahl bereits 2006 mit der Schauspielerei aufgehört und sich seither verstärkt der Malerei zugewandt hat, hindert die Organisatoren beim Filmfestival in Locarno allerdings nicht daran, ihn für sein Lebenswerk auszuzeichnen. "Dass ich hier einen Preis fürs Lebenswerk bekomme, nun ja. So einen Preis bekomme ich schon zum fünften Mal", lacht Mueller-Stahl. "Das macht mich ein bisschen nachdenklich, denn ich bin ja noch immer unterwegs. Sorry! Aber man kriegt so einen Preis und weiß, dass man etwas im Leben gemacht hat, das nicht ganz verkehrt war."

Immerhin war Mueller-Stahl schon in seinen DDR-Zeiten ein gefeierter Star. "Ich war fünf Mal beliebtester Schauspieler der DDR? Das mag sein, ich habe es nicht gezählt. Aber da war ich noch ein hübscher Junge. Das ist lange her, damals war ich sozusagen der Brad Pitt der DDR", lacht er.

Überhaupt ist Mueller-Stahl von seiner Erscheinung her ein fröhlicher Mensch. Beim Interview in einem Luxus-Hotel in Ascona gibt es keine Spur von Alterspessimismus. Sondern nur die Gewissheit, auf ein reiches Leben zurückzublicken. "Ich spüre keine Angst in Bezug auf das Altern. Ich weiß: Die Zukunft ist nicht mehr unendlich. Und ich weiß auch, wie mein eigenes Ende aussehen wird. Es wird so aussehen wie Ihres. Das ist die einzige wirkliche Gerechtigkeit auf diesem Planeten", meint Armin Mueller-Stahl. "Angst spüre ich hingegen bei Vorgängen, die in die Nähe von Krieg führen. Die merkwürdigen Unsicherheiten, die es derzeit auf der Welt gibt. Die Technik und die Computer, das sind die Geister, die wir riefen, die wir aber nicht in den Griff kriegen. Der Irak, Syrien, die Ukraine. Es ist in der Welt scheußlich wie schon lange nicht."

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Dokument erstellt am 2014-08-08 14:41:04
Letzte Änderung am 2015-07-30 13:18:16



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