• vom 16.08.2014, 13:03 Uhr

Filmfestival Locarno

Update: 30.07.2015, 13:16 Uhr

Nachlese 2014

In Locarno siegt die unheilvolle Langsamkeit




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Von Matthias Greuling aus Locarno

  • Die Entschleunigung gewinnt: Lav Diaz‘ 338 Minuten langer Film "Mula sa kung ano ang noon" erhielt den Goldenen Leoparden.

Ein Bild aus dem Siegerfilm.

Ein Bild aus dem Siegerfilm.

Preisträger Lav Diaz.

Preisträger Lav Diaz.© alessio pizzicanella, festival locarno Preisträger Lav Diaz.© alessio pizzicanella, festival locarno

Eine Frau fährt auf einem Fluss in einem einfachen Boot. Es treibt langsam den Flusslauf hinab, die Frau macht einen unglücklichen Eindruck. Minutenlang verharrt die Kamera auf ihr, das schwarzweiße Bild bekommt dadurch etwas Monumentales, obwohl es keine Monumente abbildet.

Wie alles in "Mula sa kung ano ang noon" ist auch diese Szene geprägt von einer unheilvollen Vorahnung: Regisseur Lav Diaz wurde für sein 338 Minuten langes Klage-Epos soeben in Locarno mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Leoparden, ausgezeichnet. Für einen Film, der Historisches verhandelt, aber auch eine Zustandsbeschreibung des menschlichen Daseins an sich ist.
Die Handlung spielt 1972 auf den Philippinen. Geschlachtete Kühe säumen den Weg, blutüberströmte Leichen allerorten, brennende Häuser. Das Land steht kurz vor der Diktatur: Ferdinand Marcos putschte sich damals mit Bombenterror und Repressalien an die Macht, verhaftete Oppositionelle und erklärte im September 1972 das Kriegsrecht. Just jene Zeit untersucht Lav Diaz in ruhigen, schwarzweißen Bildern, die das Unheil zum Teil vorausahnen lassen, zum Teil schon in aller Brutalität abbilden.

Information

Alle Preisträger hier.




"Der Film basiert auf meinen Erinnerungen an meine Kindheit", sagt Regisseur Lav Diaz. "Es geht um die zwei Jahre, bevor das Kriegsrecht auf den Philippinen deklariert wurde. Diese Zeit markierte die dunkelste Stunde in der Geschichte meiner Heimat. Alles in dem Film schöpfe ich aus Erinnerungen, alle Figuren sind echt, alle Bilder habe ich so oder ähnlich miterlebt".


Die Jury von Locarno hat somit nicht nur ein gesellschaftlich relevantes, sehr persönliches Filmkunstwerk prämiert, sondern auch eines der Langsamkeit: Die 338 Minuten Spielzeit erfordern Sitzfleisch, dennoch erweist sich "Mula sa kung ano ang noon" aber als überaus zugänglich. Ein Sieg der Entschleunigung in einer immer schneller werdenden Medienwelt.

Zu den weiteren Preisträgern beim 67. Filmfestival von Locarno gehören der Portugiese Pedro Costa (Regiepreis für seinen Film "Cavalo Dinheiro") sowie der US-Amerikaner Alex Ross Perry (Spezialpreis der Jury für "Listen Up Philip").




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Dokument erstellt am 2014-08-16 13:05:14
Letzte Änderung am 2015-07-30 13:16:56



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