Adrien Brody ist einer der gefragtesten US-Charakterdarsteller, der sich dank seines Auftritts als "Der Pianist" (2002) unter Roman Polanskis Regie auch in die Oscar-Geschichtsbücher als bester Schauspieler eintragen durfte. Beim Filmfestival von Locarno hat Brody nun den Leopard Club Award erhalten. Die "Wiener Zeitung" unterhielt sich mit Brody zusammen mit anderen Journalisten am Rande des Schweizer Festivals.

Wiener Zeitung: Mr. Brody, als sie 2003 den Oscar aus den Händen von Halle Berry erhielten, da haben Sie sie spontan geküsst. Sind Sie ein sehr emotionaler Mensch?

Adrien Brody: Ich glaube, als Schauspieler muss man sehr emotional sein, denn man braucht einen Sensor für alle Arten menschlicher Gefühle. Damals hat mich die Situation einfach überwältigt, das war eine so großartige Sache, eine Belohnung für harte Arbeit. Für "The Pianist" war ich für alle möglichen Preise nominiert gewesen, aber der Oscar war natürlich die Krönung. Man muss dabei wissen, dass mich diese Holocaust-Geschichte des polnisch-jüdischen Musikers lange Zeit nicht losgelassen hat: Ich hatte ein Jahr lang Depressionen nach dieser Rolle. Ich verbrachte viel Zeit bei Freunden, schlief auf deren Couch anstatt daheim. Die Rolle ging mir sehr nahe.

In Ihrer Karriere gibt es ein Leben vor und eines nach dem "Pianist". Würden Sie dem zustimmen?

Ja, definitiv. "Der Pianist" sah so aus wie ein Erfolg, der sich über Nacht eingestellt hatte, doch das stimmt nicht. Davor war ich ein Schauspieler, der jahrelang ums tägliche Brot kämpfen musste, und als nach dem "Pianist" so viele Angebote kamen, hielt mich genau diese Erinnerung an die Zeit davor auf dem Boden. Ich fand damals heraus, wer ich bin und wie ich das, was mir passierte, zu schätzen lerne.

Gibt es Momente, in denen Sie auch wehmütig an die Zeit vor dem Erfolg zurückdenken?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es ist sehr einfach, nostalgisch zu sein. Ich kenne und kannte sehr viele Schauspieler, die von ihrer kreativen Arbeit nicht leben können, deshalb bin ich heute sehr privilegiert und unendlich dankbar, wie es gelaufen ist. Aber es gibt Aspekte, die ich von früher vermisse. Zum Beispiel die Freude, in einem See der Anonymität zu sein und trotzdem sein Potenzial zu kennen. Auf Anonymität zurückblicken zu können, ist ein Luxus. Als ich noch um jeden Job kämpfen musste, da konnte ich das tun, was Schauspieler eigentlich am liebsten tun: Andere Menschen beobachten, sie studieren, um daraus für die eigene Performance zu lernen. Aber man kann niemanden observieren, wenn man selbst die ganze Zeit observiert wird.