• vom 06.08.2017, 15:56 Uhr

Filmfestival Locarno

Update: 31.07.2018, 16:04 Uhr

Nachlese 2017

"Meine Leidenschaft geht vor"




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Von Matthias Greuling, Locarno

  • Adrien Brody über den Schauspielerberuf, seine harten Anfänge und was er daran vermisst.

"Als Schauspieler muss man sehr emotional sein", sagt Adrien Brody im Interview.  - © Katharina Sartena

"Als Schauspieler muss man sehr emotional sein", sagt Adrien Brody im Interview.  © Katharina Sartena

Adrien Brody ist einer der gefragtesten US-Charakterdarsteller, der sich dank seines Auftritts als "Der Pianist" (2002) unter Roman Polanskis Regie auch in die Oscar-Geschichtsbücher als bester Schauspieler eintragen durfte. Beim Filmfestival von Locarno hat Brody nun den Leopard Club Award erhalten. Die "Wiener Zeitung" unterhielt sich mit Brody zusammen mit anderen Journalisten am Rande des Schweizer Festivals.

Wiener Zeitung: Mr. Brody, als sie 2003 den Oscar aus den Händen von Halle Berry erhielten, da haben Sie sie spontan geküsst. Sind Sie ein sehr emotionaler Mensch?

Adrien Brody: Ich glaube, als Schauspieler muss man sehr emotional sein, denn man braucht einen Sensor für alle Arten menschlicher Gefühle. Damals hat mich die Situation einfach überwältigt, das war eine so großartige Sache, eine Belohnung für harte Arbeit. Für "The Pianist" war ich für alle möglichen Preise nominiert gewesen, aber der Oscar war natürlich die Krönung. Man muss dabei wissen, dass mich diese Holocaust-Geschichte des polnisch-jüdischen Musikers lange Zeit nicht losgelassen hat: Ich hatte ein Jahr lang Depressionen nach dieser Rolle. Ich verbrachte viel Zeit bei Freunden, schlief auf deren Couch anstatt daheim. Die Rolle ging mir sehr nahe.

In Ihrer Karriere gibt es ein Leben vor und eines nach dem "Pianist". Würden Sie dem zustimmen?

Ja, definitiv. "Der Pianist" sah so aus wie ein Erfolg, der sich über Nacht eingestellt hatte, doch das stimmt nicht. Davor war ich ein Schauspieler, der jahrelang ums tägliche Brot kämpfen musste, und als nach dem "Pianist" so viele Angebote kamen, hielt mich genau diese Erinnerung an die Zeit davor auf dem Boden. Ich fand damals heraus, wer ich bin und wie ich das, was mir passierte, zu schätzen lerne.

Gibt es Momente, in denen Sie auch wehmütig an die Zeit vor dem Erfolg zurückdenken?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es ist sehr einfach, nostalgisch zu sein. Ich kenne und kannte sehr viele Schauspieler, die von ihrer kreativen Arbeit nicht leben können, deshalb bin ich heute sehr privilegiert und unendlich dankbar, wie es gelaufen ist. Aber es gibt Aspekte, die ich von früher vermisse. Zum Beispiel die Freude, in einem See der Anonymität zu sein und trotzdem sein Potenzial zu kennen. Auf Anonymität zurückblicken zu können, ist ein Luxus. Als ich noch um jeden Job kämpfen musste, da konnte ich das tun, was Schauspieler eigentlich am liebsten tun: Andere Menschen beobachten, sie studieren, um daraus für die eigene Performance zu lernen. Aber man kann niemanden observieren, wenn man selbst die ganze Zeit observiert wird.

Ein wichtiger Film für Sie war auch "The Thin Red Line" von Terrence Malick, der 1998 entstand.

Ja, aber Terry hat daraus einen ganz anderen Film gemacht als den, den wir eigentlich gedreht hatten. Ich spielte darin einen Soldaten, der zurück nach Hause kommt. Meine Rolle war viel größer als sie im fertigen Film zu sehen ist, vieles ist der Schere zum Opfer gefallen. Ich stellte mir die Anerkennung für meine Arbeit damals anders vor, in mir gab es regelrecht ein Gefühl von Verlust. "The Thin Red Line" lehrte mich, wie ich diesen Verlust verarbeiten kann.

Dieser Film stammte noch aus einer Ära, da wurde zwischen Kino und Fernsehen ein großer Unterschied gezogen. Das ist heute anders. Bringt das für Schauspieler Vorteile?

Ich erinnere mich an die wagemutigen Filme der 70er Jahre, als man in Hollywood beinahe europäische Produktionen umsetzte. Das wäre heute unmöglich. Aber dieser Wagemut ist ein bisschen zum Fernsehen abgewandert, speziell zu Netflix und Co., wo man sich in vielerlei Hinsicht ausprobieren kann. Schauspieler sind nicht mehr stigmatisiert, man braucht keine Angst mehr zu haben, als TV-Darsteller abgetan zu werden, weil die Serienqualität stark zugenommen hat. In einer Serie kannst du dich als Schauspieler außerdem intensiver und länger in deine Figur einleben. Es gibt aber auch Nachteile dieses Serienbooms: Jetzt gibt es zu viele davon, jeder läuft um die Wette, es steckt zu viel Geld drin. Das Schöne am Filmdrehen ist ja: Nach drei bis sechs Monaten ist es zu Ende und du bist wieder frei. Das geht bei Serien nicht, da musst du dich oft auf Jahre hinaus verpflichten. Ich habe deshalb viele Serienangebote ausgeschlagen.

Weil Ihnen diese Arbeit zu monoton wäre?

Nein, weil ich in meinem Job etwas riskieren will und mich einem künstlerischen Weg verpflichtet fühle, mehr als dem Geld. Meine Leidenschaft geht vor.

Was sind es denn für Rollen, die diese Leidenschaft in Ihnen wecken?

Die Schauspielerei ist ein sehr individueller Prozess. Mich sprechen Figuren an, bei denen ich so wenig wie möglich Schauspielen muss. Ich bin niemand, der einem etwas vorspielt. Ein Beispiel: Wenn ich eine Figur spiele, die humpelt, dann lege ich mir Steine in die Schuhe. Ich will diese Beeinträchtigung spüren. Und dann brauche ich das Humpeln auch nicht zu spielen.





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Dokument erstellt am 2017-08-06 15:58:54
Letzte Änderung am 2018-07-31 16:04:24



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