• vom 11.08.2017, 15:37 Uhr

Filmfestival Locarno

Update: 31.07.2018, 15:51 Uhr

Nachlese 2017

Es muss nicht immer Filmkunst sein




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Von Matthias Greuling


    In Würde altern: Harry Dean Stanton in "Lucky". - © Festival Locarno

    In Würde altern: Harry Dean Stanton in "Lucky". © Festival Locarno

    Locarno. Das giftgelb-schwarze Leopardenmuster überzieht die Stadt Locarno im Schweizer Tessin wie eine zweite Haut, vor allem, weil hier dieser Tage die 70. Ausgabe der Filmschau zelebriert wurde, mit einem Festakt im neuen, opulent und zugleich dezent gestalteten Festivalkino "PalaCinema". Ein altes Haus, das entkernt wurde; nur die Fassade blieb erhalten, innen wurde komplett neu gebaut, und aufs Dach kamen gülden schimmernde Akzente, auf dass dieses Haus weithin sichtbar wird.

    Was man in Venedig auch nach 20 Jahren an Debatten nicht geschafft hat, scheint den Schweizern leichter von der Hand zu gehen: Der Kinoneubau hat nicht nur ein Kapazitätsproblem des Festivals gelöst, sondern hat auch Symbolcharakter: Es weist dem Kino als Ort, an dem Kunst passiert, einen gediegenen Platz zu; inmitten der hektischen Umwälzung bei den Sehgewohnheiten des Publikums (sogar die Fachbesucher konnten dieses Jahr etliche Filme auf ihrem PC streamen, anstatt ins Kino zu müssen) ist das wie ein beruhigender Balsam auf wunder Haut.

    Information

     

    Qualitative Ambivalenz

    Das, was auf der neuen Leinwand im heurigen Festivaljahrgang zu sehen war, ist wiederum von qualitativer Ambivalenz geprägt gewesen - aber das ist auch der Anspruch eines Publikumsfestivals wie Locarno: Man kann den tausenden Zuschauern auf der Piazza Grande nicht nur Filmkunst servieren, und, ganz ehrlich, es muss auch nicht sein. Manches aus dem Wettbewerb wirkte schon arg krampfhaft; ist es eigentlich noch Kunst, wenn sie sich selbst nachzulaufen scheint?

    Bemerkenswert im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden war jedenfalls der lakonische Beitrag "Charleston" von Andrei Cretulescu, in dem ein Witwer um seine bei einem Unfall verstorbene Frau trauert. Doch die Gattin hatte auch einen Liebhaber, der versucht, gemeinsam mit dem Ehemann über den Verlust hinwegzukommen.

    "Wajib" der palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir zeigt den Alltag in Nazareth und erzählt solide eine zerbrechliche Vater-Sohn-Geschichte. Vom Blitz getroffen wird hingegen Isabelle Huppert in dem recht schrägen "Madame Hyde" von Serge Bozon. Als verschrobene Lehrerin ist sie nach dem Blitzeinschlag plötzlich nicht mehr dieselbe. "9 Doigts" des Franzosen F.J. Ossang übt sich im Stilisieren schwarzweißer Krimibilder, philosophiert dabei über das Leben und schreit laut "Ich bin Kunst". Danebengegangen ist der einzige Schweizer Film im Bewerb: Dominik Locher beobachtet in "Goliath" ein junges Paar, das ein Kind erwartet und sich mehr und mehr voneinander entfernt.

    Der Wettbewerb von Locarno war auch offen für dokumentarische Arbeiten wie "Good Luck" von Ben Russell: Zwei Minen, eine in Serbien, eine im Dschungel Surinams, werden in texturstarken Bildern porträtiert und zeigen eindrucksvoll, wie der Mensch sich an der Natur abarbeitet. "Mrs. Fang" des Chinesen Wang Bing wiederum fängt das Leiden einer Alzheimer-Patientin in ihren letzten Lebenstagen ein. Dem Filmemacher geht es dabei auch um die menschliche Würde, genau wie John Carroll Lynch in seinem Spielfilm "Lucky", der von einem 90-jährigen Atheisten (wunderbar: Harry Dean Stanton) und seiner beharrlichen Standhaftigkeit im Leben erzählt. An diesem schönen Film wird die Jury rund um Olivier Assayas wohl nicht vorbeikommen.

    Aus Österreich trat diesmal kein Beitrag im Hauptbewerb an, mit "Abschied von den Eltern" von Astrid Johanna Ofner lief jedoch die Verfilmung einer autobiografische Erzählung von Peter Weiss in der Sektion "Cineasti del presente". Ofner gibt der Erzählung um Jugend und erzwungene Flucht aus dem Deutschland der 30er Jahre die richtige Balance aus fiktionaler, assoziativer und dokumentarischer Bildsprache.





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    Dokument erstellt am 2017-08-11 15:42:05
    Letzte Änderung am 2018-07-31 15:51:45



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