• vom 01.08.2018, 06:30 Uhr

Filmfestival Locarno

Update: 01.08.2018, 13:04 Uhr

Filmfestival Locarno

Ein Umbruch als Chance




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Das Filmfestival Locarno beginnt im Zeichen des Abgangs seines Direktors Carlo Chatrian.

Lichtgestalt Carlo Chatrian (rechts): Das Festival von Locarno und dessen Präsidenten Marco Solari (links) verlässt er nach der aktuellen Ausgabe in Richtung Berlinale.

Lichtgestalt Carlo Chatrian (rechts): Das Festival von Locarno und dessen Präsidenten Marco Solari (links) verlässt er nach der aktuellen Ausgabe in Richtung Berlinale.© Katharina Sartena Lichtgestalt Carlo Chatrian (rechts): Das Festival von Locarno und dessen Präsidenten Marco Solari (links) verlässt er nach der aktuellen Ausgabe in Richtung Berlinale.© Katharina Sartena

Locarno. Carlo Chatrian ist jemand, der sich sehr mit seinem Arbeitsplatz identifiziert. Auf seinem Instagram-Account hat der 46-jährige Cinephile aus Turin die Vorbereitungen auf das 71. Filmfestival von Locarno, das heute, Mittwoch, eröffnet wird, genau dokumentiert: Wie bereits vor Wochen die übergroße Leinwand auf der Piazza Grande in dem belebten Städtchen im Tessin aufgezogen wurde. Wie die wuchtige Projektions-Kabine auf ihren Platz gehoben wurde. Wie die Autoflotte des Festivals mit den Leoparden-Aufklebern versehen werden.

Es wirkt ein wenig wehmütig, dieses Festhalten von Momenten, die so beiläufig, so unwichtig erscheinen. Für Chatrian aber haben sie große Bedeutung. Er, der 2012 die Nachfolge des schillernden Olivier Père an der Spitze des wichtigsten Schweizer Filmfestivals antrat, wird nach der heurigen Festivalausgabe den Job wechseln, noch eine Etage höher, in den Olymp der "großen Drei": Während Locarno als das kleinste (und risikofreudigste) aller sogenannten A-Festivals gilt, ist Chatrian ab 2020 mit der Nachfolge des nicht weniger schillernden Dieter Kosslick an der Front der Berlinale tätig. Damit ist Chatrian - im Dreiklang mit Cannes und Venedig - an der Spitze von dem angelangt, was Film-Festival-Direktoren erreichen können.

Kalt erwischt

Marco Solari, der Festivalpräsident von Locarno, muss jetzt in aller Schnelle den vakanten Posten des künstlerischen Leiters nachbesetzen. Solari wurde von Chatrians Abgang relativ kalt erwischt, obwohl er zugibt, schon etwas geahnt zu haben. Sein Festivalmodell für Locarno sieht eine strikte Trennung der Leitungsagenden vor: Der künstlerische Leiter soll völlige Autonomie in inhaltlichen Fragen genießen, der kaufmännische Leiter das nämliche bei seinen Agenden. Die Berlinale hat mit ihrer neuen Doppelführung mit Chatrian und der Niederländerin Mariette Rissenbeek (als kaufmännische Leiterin) dieses Konzept nun kopiert. "Ich wusste schon davor: Wenn sie clever sind, nehmen sie mir Carlo weg. Und selbstverständlich war man in Berlin intelligent", so Solari in einem Interview mit dem Branchenblatt "Mediabiz". Aber Solari will kein Trübsal blasen: "Ich tröste mich mit dem chinesischen Sprichwort: Jede Krise beinhaltet eine Chance. Es mag vielleicht erstaunen, aber ich sage es klar: Es ist eine enorme Chance für Carlo, für die Berlinale und vielleicht auch für Locarno. Wahrscheinlich ein dreimaliges Win-win-win. Weil künstlerische Direktoren alle eine Halbwertszeit haben, die abläuft." Jeder habe ein Ablaufdatum, "es hätte jetzt sein können, wie es gekommen ist, nächstes Jahr, aber allerspätestens übernächstes Jahr. Ein Festival muss sich erneuern."

Vorerst arbeitet Chatrian aber einmal daran, sich von Locarno gebührend zu verabschieden. In seinem diesjährigen Programm hat er wie selten zuvor den Mix aus breiter Unterhaltung für die Abende auf der Piazza Grande und anspruchsvoller Kinokunst für den Wettbewerb um den Goldenen Leoparden bis an seine Grenzen ausgereizt.

14-Stunden-Film im Wettbewerb

Der Denzel-Washington-Kracher "The Equalizer 2" wird ebenso gezeigt wie Spike Lees Cannes-Hit "BlacKkKlansman" über Rassismus in den USA. Der vielfach mit Preisen dekorierte Südkoreaner Hong Sangsoo zeigt seinen neuen Film "Gangbyun Hotel", als Geheimtipp des Wettbewerbs gilt "Diane" des Amerikaners Kent Jones, der damit schon beim Tribeca Filmfestival in New York abgeräumt hat. Jan Bonnys "Wintermärchen" erzählt von jungen Rechtsextremen in Deutschland, während der Beitrag "La Flor" von Mariano Linas gleich unglaubliche 14 Stunden Laufzeit aufweist; eine Hommage an die Filmgeschichte soll das Werk sein, so Chatrian. Wohl sein Abschiedsgeschenk an den eher als spröde und kunstsinnig geltenden Wettbewerb Locarnos.

In einer Nebenreihe wird der von Österreich koproduzierte Film "Chaos" der Syrerin Sara Fattahi gezeigt, als Stargäste werden Ethan Hawke (mit seiner Regiearbeit "Blaze") und Meg Ryan erwartet. Es werden sich also genügend Gelegenheiten für Carlo Chatrian finden, seinen wehmütigen Abschied vom Festival auf Instagram kundzutun.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-31 16:41:30
Letzte Änderung am 2018-08-01 13:04:18



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Heitere Pärchenbildung
  2. Mouth & MacNeal, ein Duo wie Hund und Katz
  3. Gesamtkunstwerk reloaded
  4. Vergessene Fortsetzung
  5. Tour-Tagebuch
Meistkommentiert
  1. Cowboys, die Pailletten lieben


Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.


Werbung