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Filmfestival Locarno

Update: 06.08.2018, 10:17 Uhr

Filmfestival Locarno

Bruno Dumont: "Kino ist Konversation"




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Von Matthias Greuling aus Locarno

  • Der französische Regisseur Bruno Dumont wurde in Locarno mit einem Ehren-Leoparden ausgezeichnet.

Bruno Dumont lehrte früher Philosophie, jezt macht er Filme. - © Wiener Zeitung, Katharina Sartena

Bruno Dumont lehrte früher Philosophie, jezt macht er Filme. © Wiener Zeitung, Katharina Sartena

"Ich filme das, was ich nicht verstehe", sagt Bruno Dumont. Der 60-jährige Franzose erhielt beim Filmfestival in Locarno einen Ehren-Leoparden für sein Werk, das manchmal wunderlich, sehr oft verstörend und immer voller Neugier ist. "Wäre ich nicht neugierig, würde ich keine Filme drehen, denn das ist meine Triebkraft".

Dumont hat mit Filmen wie "L’Humanité" (1999) über ein brutales Sexualverbrechen oder auch "Flanders" (2006) über einen Mann mit traumatischen Kriegserlebnissen gezeigt, welche Themen ihm am nächsten liegen: Es geht um die Erforschung brutaler, extremer Gewalt ebenso wie um Sexualität und ihre Abgründe. Mehrfach wurden seine Filme in Cannes ausgezeichnet.

"Ich sehe das Kino als eine Form der Konversation", erläutert Dumont seine Sicht auf die laufenden Bilder. "Diese Bilder stellen die Kommunikationsebene mit dem Zuschauer her, sie treten mit ihm in einen Dialog. Ich glaube, dass das Kino der Film unseres Innenlebens sein kann".
Klingt sehr philosophisch, aber kein Wunder: War Dumont doch vor seiner Karriere als Filmemacher Philosophielehrer und begann erst später, sich mit dem Medium Film auf professioneller Ebene zu befassen.


Nach Locarno hat Bruno Dumont sein neues Filmprojekt mitgebracht: Das Sequel zu seinem Cannes-Hit "P’tit Quinquin" (2014), eine Miniserie um ein Kindchen (frz. "Quinquin") und einen Kriminalfall an der nordfranzösischen Küste, ist ebenfalls eine TV-Serie: "Coincoin et les Z’inhumains" arbeitet wie schon der Erstling überwiegend mit Laiendarstellern. "Die Fernsehserie gibt einem die Möglichkeit, seinen Figuren Jahr für Jahr zu folgen. In ‚Quinquin‘ war der Hauptdarsteller 13 Jahre alt und hatte damals die Emotionen eines Kindes. Jetzt ist er 17 und kann als Heranwachsender schon ganz andere emotionale Levels darstellen als als Kind", so Dumont, für den die Arbeit im Fernsehen vor allem formale Unterschiede zum Kino aufweist: "Der TV-Schirm ist kleiner als die Leinwand, also muss man ästhetisch schon ganz anders an die Sache herangehen. Totalen kommen im Fernsehen einfach nicht gut, man sieht zu wenig, Großaufnahmen hingegen wirken im TV viel intensiver als im Kino".

Für eines der beiden will sich Dumont aber nicht entscheiden: "Beide Formate haben ihre Berechtigung und ich mag auch beide. Ich habe in meinem Beruf als Regisseur nur zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen an beide Medien".

Auffallend ist Dumonts jüngste Hinwendung zum Skurrilen, zur Komödie, die man in seinen früheren Arbeiten vergeblich suchte. "Ich habe erst vor einigen Jahren die Komödie für mich entdeckt. Ich glaube, dass jedes Drama, wenn man nur tief genug gräbt, am Ende aus einer Komödie entsprungen ist. Die Komödie ist ein gefallenes Drama, bleibt aber dennoch stets dramatisch".




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Dokument erstellt am 2018-08-05 13:55:06
Letzte Änderung am 2018-08-06 10:17:53



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