Locarno. Wenn man die letzte Filmauswahl von Carlo Chatrian, des scheidenden künstlerischen Leiters von Locarno, auf einen Nenner bringen müsste, dann rückte auch diese 71. Ausgabe des Festivals keinen Millimeter von dem ab, was hier seit Jahrzehnten zelebriert wird: Die Filmkunst, die sich dem Kommerziellen widersetzt, die widerspenstig und spröde sein will, die mit Sehgewohnheiten bricht und die Poesie auf die Leinwand bringt, aber dabei ganz sparsam und minimalistisch bleibt.

Am Samstagabend werden auf der Piazza Grande in Locarno die Preise verliehen, und sie werden an Filme gehen, die dieses Kunst-Prinzip Locarnos entsprechend hochhalten. Das taten in diesem Jahrgang gleich mehrere Künstler: Allen voran der koreanische Regisseur Hong Sang Soo, der bereits 2015 für seinen Film "Right Now, Wrong Then" hier den Hauptpreis des Festivals, den Goldenen Leoparden, mit nach Hause nahm. Nun könnte er mit dem poetischen "Gangbyun Hotel" ein zweites Mal gewinnen: Das in schlichtem, aber malerischen Schwarzweiß gehaltene Drama folgt zwei am Leben gescheiterten Figuren, einem alten Dichter, der vom Leben genug hat und sich noch einmal mit seinen beiden Söhnen treffen will, sowie von einer Frau, deren Beziehung zu einem verheirateten Mann in die Brüche gegangen ist und die nun hier ein wenig Trost sucht. Beide Erzählstränge lässt Hong Sang Soo nebeneinander herlaufen, in wunderbaren Bildern, die ganze Bandbreite des menschlichen Seins und Leidens reflektierend, und selbstredend nicht alles auserzählend, nicht alles beantwortend. Ein großer Film, der sich den Hauptpreis verdient hätte.

Ein anderer Beitrag bringt sich ebenfalls in Stellung, bei der Preisverleihung berücksichtigt zu werden: "Wintermärchen" des deutschen Regisseurs Jan Bonny verhandelt ein düsteres Kapitel jüngster deutscher Zeitgeschichte: Eine junge Frau und zwei Männer machen sich auf, gemeinsam Anschläge gegen Ausländer zu planen und durchzuführen. Die an die Morde der Terrorzelle NSU angelehnte Erzählung berichtet von der Verrohung der Gesellschaft, konkret festgemacht an den Protagonisten, die aus einem Milieu stammen, in dem Arbeitslosigkeit und Fremdenhass, Sauforgien und Ausweglosigkeit dominieren. Der 39-jährige Regisseur fängt das Bild einer hässlichen Fratze ein: Sein oftmals gepriesenes Heimatland ist darin (und in vielen realen Hinsichten) gar nicht wiederzuerkennen. Auch einige weitere Beiträge überzeugten in Locarno: "Menocchio" erzählt bildgewaltig vom titelgebenden, 1599 am Scheiterhaufen verbrannten Häretiker und gibt Verweise in die Kirchen-Jetztzeit und ihren Herausforderungen. "Glaubenberg" des Schweizers Thomas Imbach taucht ein in die Denke einer 16-Jährigen, die ihren älteren Bruder sexuell begehrt.

Eine Entdeckung des Festivals ist "Genèse" des Kanadiers Philippe Lesage. Er befasst sich mit
den ersten sexuellen Erfahrungen seiner halbwüchsigen Protagonisten, die allesamt problematisiert ablaufen; zugleich gibt es einen zweiten Erzählstrang, der bei noch jüngeren Kids im Ferienlager spielt - all das kunstvoll verwoben zu einem stürmischen Potpourri über Geschlechterrollen.

Alle Preisträger finden Sie Samstag Abend in unserem Dossier unter www.wienerzeitung.at/locarno