Weil ihm danach ist, lässt er den Petersdom kurzerhand für die Touristenmassen schließen und sich eine Privatführung geben. Er raucht bei jeder Gelegenheit, ordert zum Frühstück Cherry Coke Zero und amerikanischen Filterkaffee und hält sich in den vatikanischen Gärten ein Känguru. Er zwingt den Beichtvater der Kardinäle, ihm deren Sünden zu erzählen und verwendet sein Wissen über homosexuelle Neigungen oder spezielle sexuelle Phantasien (etwa mit der Venus von Willendorf!) gegen seine Kritiker. Bei seiner ersten Rede am Balkon des Petersdoms zeigt er sich den abertausenden Gläubigen nur spätabends, verbirgt sein Gesicht, verbietet, dass er fotografiert oder gefilmt wird.

Papst Pius XIII ist nicht gerade der Prototyp des sanften, gottgefälligen Oberhauptes, das die katholische Kirche in die Moderne führen wird. Doch gerade das macht die Hauptfigur der neuen HBO-/Sky-Serie "The Young Pope" so spannend. Dass die zehnteilige Mini-Serie, geschaffen und verfilmt von dem italienischen Drehbuchautor und Regisseur Paolo Sorrentino, aktuell bei den Filmfestspielen von Venedig, dem Mekka tausender Cineasten aus aller Welt, gezeigt wird, wäre vor noch wenigen Jahren ein Sakrileg gewesen. Doch seit dem Boom hochwertiger Fernsehserien kommt keines der A-Festivals mehr ohne sie aus. Und dies im aktuellen Fall durchaus zurecht, wie die ersten beiden am Lido gezeigten Folgen von "The Young Pope" beweisen: Oscarpreisträger Sorrentino ("La grande bellezza") erzählt die Geschichte des ehemaligen Waisenjungen Lenny Belardo, der im Alter von nur 47 Jahren zum ersten (fiktiven) amerikanischen Papst gewählt wird, in einer Mischung aus Thriller und Drama, gewürzt mit schwarzem Humor. Sorrentinos Lenny Belardo ist ein zwiespältiger Charakter: Er ist Machtmensch, erzkonservativ, verfügt über eine angsteinflößende und zugleich anziehende Arroganz. Dabei ist der neue Papst so misstrauisch, dass er nicht einmal seiner ehemaligen Ziehmutter, der alten Nonne Mary (Diane Keaton) vertraut, hinter jeder Ecke einen potentiellen Feind vermutet und mit aller Härte gegen (vermeintliche) Verräter vorgeht. Aber Belardo hat auch schwache Momente - etwa, wenn er seinen geistigen Mentor Kardinal Spencer (James Cromwell) weinerlich wie ein kleiner Junge darum bittet, ihm seine erste Rede als Papst zu schreiben.

"Genau diese Vielschichtigkeit", so Jude Law bei der Pressekonferenz am Lido, "ist es, was mich an der Figur interessiert hat. Er hat so viele Seiten, ist eine spannende Person und ein Mann, der sich nicht fassen lässt. Er giert nach Macht und tut vieles, um sie zu bekommen. Aber er ist auch sehr direkt und sagt Menschen immer ins Gesicht, was er was er über sie denkt. In gewisser Weise gibt es da Parallelen zu dem Leben eines Hollywoodstars: Auch da gibt es diesen Zwiespalt zwischen der öffentlichen und der privaten Person."

Was hat es für den britischen Charakterdarsteller bedeutet, das Oberhaupt der katholischen Kirche und den geistigen Führer von mehr als einer Milliarde Menschen zu spielen? Law betont, dass gerade das anfangs seine größte Sorge war, Regisseur Sorrentino diese ihm aber durch lange Gespräche genommen hätte: "Paolo hat mir gesagt, dass ich den Papst vergessen und stattdessen Lenny Belardo spielen soll. Ich habe mich also intensiv mit Lennys Vergangenheit befasst und versucht das umzusetzen." Das ist dem Briten definitiv gelungen, hat man solch eine überzeugende und lange nachwirkende Darstellung eines Gottesmannes in Film und Fernsehen schon lange nicht mehr gesehen.