• vom 07.09.2017, 18:09 Uhr

Filmfestival Venedig

Update: 07.09.2017, 18:15 Uhr

Sam Neill

"Die Menschen verdrängen gerne"




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Von Matthias Greuling aus Venedig

  • Sam Neill stellte in Venedig einen australischen Rassismus-Western vor, der universelle Gültigkeit hat.

Mit "Jurassic Park"wurde der neuseeländische Schauspieler Sam Neill 1993 schlagartig weltbekannt - © Katharina Sartena

Mit "Jurassic Park"wurde der neuseeländische Schauspieler Sam Neill 1993 schlagartig weltbekannt © Katharina Sartena

Sam Neill ist einer jener Schauspieler, die man vor allem wegen dieser einen Rolle im Kopf behält, und das, obwohl sie so unendlich viel mehr zu bieten hatten. Mit "Jurassic Park" wurde der neuseeländische Schauspieler 1993 schlagartig weltbekannt, als er als Dr. Grant vor den wildgewordenen Urzeitechsen davonlaufen musste. Dabei hat Neill viele andere Rollen gespielt, man denke nur an "Das Piano" (1992) von Jane Campion; insgesamt 128 Filme hat er bislang gedreht, zuletzt war er aber vermehrt in Fernsehproduktionen zu sehen. Ist diese eine berühmte Rolle also ein Klotz am Bein?

"Nein, denn damals habe ich sie gerne gespielt", sagt Neill im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Es war eine aufregende Zeit, denn wir drehten den allerersten richtigen CGI-Film, bei dem die Tricks aus dem Computer kamen und wir uns die Saurier beim Dreh vorstellen mussten. Steven Spielberg lief mit einem langen Stab übers Set, mit einer Schlaufe am Ende, zu der wir ängstlich hochsehen sollten, als wäre es der T-Rex, und zugleich brüllte er wie ein Saurier ins Megafon", lacht Neill. Aber "Jurassic Park" hatte in der Rezeption auch seine Schattenseiten:"Im ‚New Yorker‘ gab es in jeder Ausgabe eine kleine Rubrik, in der stand, was gerade angesagt ist im Kino", erinnert sich Neill. "Als ‚Jurassic Park‘ herauskam, stand da: ‚Es ist ein filmischer Meilenstein. Erstmals sind die Spezialeffekte überzeugender als die Schauspieler‘. Was soll man dazu sagen", lacht Neill.

In den Wettbewerb von Venedig kehrt Neill mit einer etwas differenzierteren Performance zurück. In dem australischen Western "Sweet Country", der Ende der 1920er Jahre spielt, geht es um die brutale Misshandlung der australischen Ureinwohner. "Die Aborigines bekamen erst 1967 das Recht zu wählen, das muss man sich mal vorstellen", sagt Neill. "Bis dahin galten sie in Australien als Bestandteil von Flora und Fauna". In "Sweet Country" wird dieser Umstand durch eine dramatische, wahre Geschichte unter der Regie von Warwick Thornton erzählt, der Regisseur zählt selbst zu der Bevölkerungsgruppe der Aborigines. Es geht um einen Aborigine namens Sam (Hamilton Morris), der bei einer Auseinandersetzung einen weißen Mann töten muss, um sein eigenes Leben zu retten, was dramatische Folgen nach sich zieht, weil die weißen Einwohner eine Gruppe zusammenstellen, die den Mörder suchen und zur Rechenschaft ziehen soll; die ganze Brutalität gegen die australischen Ureinwohner wird in "Sweet Country" zu einem Porträt australischer Geschichte, aber auch zu einem Sinnbild für weltpolitische Entwicklungen der Gegenwart.

"Wir erzählen hier eine schwierige Phase der australischen Geschichte, weil es damals ganz ungeniert zu offenem Rassismus kam", sagt Sam Neill. "Und gleichzeitig stellen wir fest, dass es diese Übergriffe auch heute wieder gibt. In den USA laufen Nazis durch die Straßen! Nach 1945 hatte man gesagt: Nie wieder, aber die Menschen tendieren dazu, zu verdrängen und zu vergessen. Das finde ich traurig".

Obwohl "Sweet Country" vorderhand keinen Link zur Gegenwart bereithält, war den Filmemachern schon während des Drehs bewusst, wohin die Weltlage steuert. "Wir haben den Film 2016 gedreht, im Sommer, da war natürlich schon absehbar, wie sich die Stimmung auf der Welt ändert, wo es wieder offenen Rassismus gibt, wo Flüchtlinge abgewiesen werden, wo die Menschlichkeit nichts mehr zählt. Insofern ist diese Grundstimmung sehr wohl auch in die Dreharbeiten eingeflossen", erinnert sich Neill. Der 69-Jährige empfindet auch den Brexit als eine "ungeheure Geschichte. Ausgerechnet die Briten, denen man die größte Ernsthaftigkeit zuschreibt, lassen sich auf eine solche populistische Debatte ein und entscheiden für den Austritt. Es ist unfassbar".

Für Neill, der in Neuseeland lebt und sich auch als Neuseeländer versteht, hat der Brexit trotzdem keine Folgen. "Ich habe zwei Pässe: einen britischen und einen irischen. Wenn Großbritannien aus der EU austritt, dann verwende ich einfach nur mehr den irischen Pass. Denn die EU ist die großartigste Idee, die es nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Ich will sie nicht sterben sehen".





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:11:37
Letzte nderung am 2017-09-07 18:15:50




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