Venedig. Keine drei Tage ist die 75. Ausgabe des Filmfestivals von Venedig alt, und doch gab es hier bereits ein so breites Spektrum wie lange nicht: Es reicht von einem, der auszog, den Mond zu erobern ("First Man"), über einen wundervollen schwarz-weißen Filmstreifzug durch mittelständische Lebensentwürfe im "Schmutzigen Krieg" Mexikos in den 1970er Jahren bis hin zu einer dialogreichen Auseinandersetzung mit der Zukunft der Medien. Abgründe gibt es überall, Spektakel auch, diesmal durchwegs mit düster-kritischem Unterton.

Am Anfang stand die Raumfahrt: Damien Chazelle eröffnete mit "First Man" nach "La La Land" 2016 das Festival zum zweiten Mal, wieder ist Ryan Gosling dabei, diesmal in der Rolle des US-Helden Neil Armstrong. Der will mit seiner motivierten Nasa-Truppe zum Mond, die Wirren bis dahin sind zahlreich, die Opfer auch. Chazelles Film (die "Wiener Zeitung" berichtete) ist nicht frei von Spitzen gegen die USA, aber letztlich glorifiziert er das, was diese Supermacht ausmacht: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, das ist der Glaube, der im amerikanischen Traum verborgen liegt, und den feiert Chazelle mit allen Regeln der Filmkunst, weshalb einem nicht gleich auffällt, dass man hier gefälligen Mainstream bekommt, im wummernden, tosenden, engen Cockpit der Raumkapsel, die Chazelle zum Mond schießt. Ein effektvoller Auftakt, der Ryan Gosling und Chazelle vermutlich wieder etliche Oscar-Nominierungen einbringen dürfte.

Weniger Chancen in dieser Kategorie hat wohl Olivier Assayas mit "Doubles vies", eine 107-minütige Auseinandersetzung mit bourgeoisen Kunst- und Medienschaffenden aus Paris, die aus Panik vor der Allmacht des Internets und der Algorithmen schon das Ende von Film, Buch, Musik & Co. kommen sehen. Assayas stellt einen unsicheren Autor in den Mittelpunkt, dessen Verleger (Laurent Cantet) sein neues Buch nicht drucken will; rundherum entspinnt sich ein bunter Reigen (auch sexueller Art), bei dem so manche Persönlichkeit auf der Strecke bleibt; das Gefühl vom Zeitgeist eingeholt und überholt zu werden, schwingt hier mit; irgendwann als "out" zu gelten, die "Jungen" nicht mehr zu verstehen.

Ein Traktat über die
Zukunft der Medien

Juliette Binoche hat darin eine wunderbare Rolle als Schauspielerin in einer Polizeiserie, Assayas stattet den Film mit jeder Menge launiger Referenzen an popkulturelle und hochkulturelle Phänomene aus. Eine Fellatio während einer Kinovorstellung von Michael Hanekes "Das weiße Band" spielt hier eine zentrale Rolle, mit der Assayas sein Traktat über die Zukunft der Medien fast spielerisch anreichert und überaus wort- und dialogreich gestaltet.