• vom 04.09.2018, 21:30 Uhr

Filmfestival Venedig


Festivalbericht

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Von Matthias Greuling

  • Beim Filmfestival von Venedig bergen heuer sogar Enttäuschungen hochkarätige Überraschungen.

Popstar im Bann der Terror-Angst: Natalie Portman als Sängerin in dem fesselnden Film "Vox Lux".

Popstar im Bann der Terror-Angst: Natalie Portman als Sängerin in dem fesselnden Film "Vox Lux".© Festspiele Venedig Popstar im Bann der Terror-Angst: Natalie Portman als Sängerin in dem fesselnden Film "Vox Lux".© Festspiele Venedig

Bei jedem Festival gibt es Enttäuschungen und Überraschungen, aber selten waren diese so hochkarätig wie beim 75. Festival von Venedig, das sich dank des Netflix-Banns von Cannes mit besonders vielen prominenten Filmemacher-Namen schmücken darf, weil etliche von ihnen ihre neuen Projekte über die Streaming-Portale finanzieren konnten.

Mike Leigh zum Beispiel. Nur, dass an seinem überlangen Historienfilm "Peterloo" über ein gerne vergessenes Massaker an Studenten in der Frühzeit der Demokratiebewegung Großbritanniens ersichtlich wird, wie wenig ein üppiges Budget und die Gewährung völliger künstlerischer Freiheit - in diesem Fall durch Amazon Studios - die Qualität des Endprodukts heben können. Leigh verkalkuliert sich dramaturgisch und macht aus dem interessanten Stoff ein behäbiges Sprechstück.


Alter, aber grandioser van Gogh
Dem diametral gegenüber steht Julian Schnabels "At Eternity’s Gate" über Leben, Wirken und Sterben Vincent van Goghs, interpretiert mit der totalen Leidenschaft von Willem Dafoe, der hier sogar vergessen macht, dass van Gogh starb, als dieser 37 war, während Dafoe bereits 63 ist. Stört nicht, weil der Maler Julian Schnabel in seiner Annäherung an die künstlerische Sicht van Goghs auf die Welt den Ton so akkurat trifft wie in keinem seiner (Künstlerbio-)Pics zuvor.

Wieder zurück zu den Enttäuschungen des Festivals: Laszlo Nemes aus Ungarn, der für seinen famosen KZ-Film "Son of Saul" einen Oscar gewann, prolongiert für "Sunset" seinen Stil des dichten Heranrückens an seine Protagonisten, während das Umfeld in Unschärfen oft nur erahnbar bleibt, fabuliert aber in langen 142 Minuten von einer jungen Frau, deren Familie einst ein Hutmacher-Imperium in der ausgehenden k.u.k.-Monarchie besaß, aber zu Tode kam. Sie will nun in die Firma einsteigen und Nemes schafft ein Konglomerat an Hinweisen auf ihre persönliche, aber auch auf allgemeine Befindlichkeiten im Vielvölkerstaat, in dem nichts mehr so lief, wie es sollte. Ratlosigkeit herrscht hier vor allem ob der ausufernden Erzählstruktur; "Sunset" ist keine Erzählung, sondern vielmehr eine Szenensammlung.

Der Western "The Sisters Brothers" erzählt von den Brüdern Eli und Charlie Sisters, der Filmtitel ist ein schönes Wortspiel. Die Brüder sind Killer, die einem Goldgräber im Oregon der 1850er Jahre auf den Fersen sind. Der Franzose Jacques Audiard ("Ein Prophet") lässt den in Rumänien gedrehten Western so aussehen, als wäre er bloß eine schwarze Komödie, und doch ist er mehr: Audiard fängt die Patina jener Zeit ein, in der Toilettenspülungen und Zahnbürsten zu den exotischen Ausnahmen gehörten, vor allem im Wilden Westen. Neben Joaquin Phoenix spielt John C. Reilly mit derartiger Sympathie, dass man fast von einer Oscar-Nominierung ausgehen kann.

Ebenfalls auf Humor setzen die Coen-Brüder mit ihrem neuen Film "The Ballad of Buster Scruggs", einem absurden Western in sechs Szenen, die Spaß machen, aber eine gewisse Redundanz im Coen-Universum nicht leugnen können. Immerhin: Ihr Konzept funktioniert noch immer gut, wenngleich dieser Film eine Fußnote in ihrer Karriere bleiben dürfte.

Verpuffte Spannung
Mit Spannung erwartet wurde Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor". Der dreistündige Film erzählt von dem fiktiven Künstler Kurt Barnert (Tom Schilling), der der DDR entflieht und lebenslang unter seinen Kindheitserinnerungen im NS-Regime leidet. Trotz eines wunderbaren Casts (Sebastian Koch beeindruckt als skrupelloser NS-Arzt) ist "Werk ohne Autor" eine nicht ganz stimmige Erfahrung. Schade, dass Donnersmarck, der hier augenscheinlich den Werdegang von Gerhard Richter spiegelt, das ganze dramatische Potenzial der Geschichte in den ersten zwei Dritteln des Films ausspielt, während ihm für das letzte Drittel nur mehr die innere Unruhe eines immer noch suchenden Künstlers bleibt.

Die Kunst ist die Antriebskraft vieler Protagonisten dieses Festivals - auch bei "Vox Lux", der zweiten Regiearbeit des Schauspielers Brady Corbet, ist dies so. Hier spielt Natalie Portman einen Popstar, dessen Leben und Karriere mehrfach von Terrorakten überschattet wird. Corbet unternimmt eine Tour de Force durch 20 Jahre Terrorgeschichte, vom Schulmassaker in Columbine über 9/11 bis zum Anschlag auf das Konzert von Sängerin Ariana Grande im Vorjahr. "Vox Lux" ist eine schrill-laute Visualisierung der Angst, in der wir seit Beginn des 21. Jahrhunderts leben: ein verstörendes Meisterstück und der bisher vielleicht relevanteste Film des Festivals.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-04 16:27:00
Letzte Änderung am 2018-09-04 21:22:44



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