• vom 06.09.2018, 08:35 Uhr

Filmfestival Venedig

Update: 06.09.2018, 08:48 Uhr

Filmfestival Venedig

Zu wenig Mut zur Angst




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Von Matthias Greuling

  • "22. Juli" von Paul Greengrass ist heuer schon der zweite Film, der sich mit dem Massaker von Anders Breivik befasst.

Regisseur Paul Greengrass - © Katharina Sartena

Regisseur Paul Greengrass © Katharina Sartena

Paul Greengrass ist ein Spezialist für Filme über spezielle Ereignisse. Nicht umsonst wurde der Brite mit Filmen wie "Bloody Sunday" (2002) über den irischen Blutsonntag von 1972 und "Flug 93" (2006) über den vierten Terrorflieger von 9/11 bekannt. Das Spezielle an seinen Arbeiten über diese Katastrophen und ihre Folgen war die Unmittelbarkeit, mit der Greengrass das Geschehene rekonstruierte; hektisch, aber präzise sezierte der Regisseur alles im Stile einer packenden Chronik.

Vielleicht war das für die Produzenten von Netflix der ausschlaggebende Grund, Greengrass mit der Regie über eine Chronik des Massakers von Utøya, 2011 ausgeführt vom norwegischen Terroristen Anders Breivik, zu betrauen. Mit Sicherheit würde Greengrass erfolgreich den schmalen Grat entlang wandeln, der hier nötig sein würde, um weder die Verletzungen der Opfer und deren Familien, noch die Befindlichkeit der Öffentlichkeit zu stören. Immerhin ist dieser Massenmord noch nicht lange her und die Wunden sind frisch; Breivik sitzt in Einzelhaft und bekommt (auch durch solche Filme) wieder viel Öffentlichkeit. Er ist also immer noch präsent.

Zuviel Aufmerksamkeit

Über weite Strecken gelingt Greengrass in seiner Verfilmung, die Tücken des Stoffes zu umgehen; er räumt dem Terrorakt im Film nur rund 20 Minuten ein, der Rest schildert akribisch die Verhaftung, Nachsorge der Opfer, Anklage, Verurteilung, Inhaftierung. Da hat Greengrass genau gearbeitet und versucht, den Wahnsinn der Tat den rechtsstaatlichen Apparaten gegenüberzustellen, aber es blitzt auch das kurz heraus, wovor viele Terror-Experten warnen, wenn es um Breivik und die Öffentlichkeit geht: Zuviel Aufmerksamkeit für ihn ist Wasser auf die Mühlen der erstarkten Rechtsradikalen in Europa.

"Breivik kommt im Film bei den Vernehmungen und vor Gericht mit seinen Ansichten zu Wort", so Greengrass im Interview. "Natürlich besteht die Gefahr, dass Rechtsradikale sich bestätigt fühlen, wenn sie den Film sehen. Aber mir war es wichtiger, alle anderen über dieses schreckliche Gedankengut zu informieren, das nicht von einem Attentäter kam, der sich für irgendwelche Kränkungen rächen wollte, sondern der ein geschlossenes rechtsradikales Weltbild hat."

Jedenfalls ist "22. Juli" neben seiner Chronisten-Funktion auch und vor allem als Film problematisch, weil er dem Ereignis von Utøya mit seinen 69 toten Kindern im dortigen Ferienlager nicht gerecht wird; Greengrass müht sich zwar, die Wahnsinnstat bewusst zu machen, aber sein Film traut sich den Schritt nicht zu, radikal zu sein, so radikal wie der andere, bereits bei der Berlinale 2018 uraufgeführte Film über das Massaker, "Utøya, 22. Juli" von Erik Poppe (Filmstart in Österreich: 28. September).

Poppes Film radikaler

Poppes Film hat diese Radikalität, weil er sie für angemessen hält und nicht glaubt, dass man ein derartig einschneidendes Ereignis in Form und Ästhetik eines Fernsehfilms abhandeln kann. Poppe bleibt in dem nur aus einer Einstellung bestehenden Film immer in der Perspektive der Opfer, Breivik ist kein einziges Mal wirklich zu sehen und der Film folgt für die exakte Dauer des Anschlags den Kindern, die auf der Insel um ihr Leben rennen. Man hat Poppe Voyeurismus vorgeworfen, dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Poppe macht erlebbar, wie es sich anfühlt, vor Angst um sein Leben zu laufen, ohne zu wissen, vor wem man eigentlich flüchtet.

All das blendet Greengrass in seinem Netflix-Film aus; ihm geht es mehr um den Themenkomplex Utøya und seine Rezeption. "Ich habe diesen Film bei Netflix realisiert, weil ich will, dass er von möglichst vielen jungen Leuten gesehen wird. In den Arthaus-Kinos würde ich nur einen kleinen Teil dieser jungen Leute erreichen", so Greengrass über seine Produzenten, die genau das im Sinn haben: Möglichst viele Zuschauer.

"22. Juli" ist gut recherchiert, dicht erzählt, aber: Die mögliche Form, in der man über eine solche Tat in einem Film sprechen kann, die hat Poppe gefunden, Greengrass aber nicht. Dafür fehlt ihm der Mut, das Publikum mit dieser unfassbaren Angst zu konfrontieren.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 08:36:42
Letzte Änderung am 2018-09-06 08:48:34



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