Wien. Frauentag ist nicht Muttertag. Mehr noch. Der 8. März gilt als das emanzipierte, kämpferische Kontraststück zum lieblichen zweiten Sonntag im Mai.

Feministinnen ist neben dem Muttertag auch der Frauentag ein Dorn im Auge. Frauenrechte sollten 365 Tage im Jahr auf der Tagesordnung stehen. Doch auch jenseits von fragwürdigen Jubeltagen: Kein Aspekt des Frau-Seins wird heute kontroverser diskutiert als die Mutterschaft. Beziehungsweise die bewusst gewählte oder unfreiwillige Nicht-Mutterschaft. Nicht nur, weil jeder Mensch eine Mutter hat. Oder Fortpflanzung ein Trieb ist. Es ist ein sich rasant wandelndes und doch archaisch gleichbleibendes, vielschichtiges Rollenbild, in dem jene Fragen, die die fortschreitende Gleichberechtigung nach wie vor aufwirft, aufeinanderprallen.

Frauen, die ihr unerfüllter Kinderwunsch schmerzt, oder solche, die sich in eine Zeit zurücksehnen, in der sie noch keine Kinder hatten. Oder Frauen, die beklagen, dass die Gesellschaft sie in ihrem Mutter-Sein zu wenig wertschätzt oder unterstützt. Die Themen der einzelnen Diskurse sind höchst unterschiedlich, teils kontrovers. Was sie eint, ist die Verlagerung des Fokus der Debatte. Ging es bisher vor allem um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, steht in der aktuellen Debatte die Vereinbarkeit von Frau und Kind im Zentrum. Und damit die Frage, wie ein emanzipiertes Frauenbild, mit dem sich unsere Gesellschaft gerne schmückt, mit den Erwartungen einhergeht, die ein und dieselbe Gesellschaft an Mütter stellt. Denn unser Frauenbild hat sich radikaler gewandelt als das Mutterbild.

Mutter zu werden, ist einer der tiefsten Einschnitte im Leben jeder Frau. Ein rasanter und drastischer Perspektivenwechsel. Ein Schritt, der die Dimensionen von Liebe, aber auch der eigenen Belastbarkeit völlig neu definiert.

Neben der individuellen Erfahrung ist Mutterschaft auch kollektive Projektionsfläche. Schließlich geht es um die Zukunft aller. Doch die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, was eine gute Mutter ausmacht, sind widersprüchlich. Zusammenfassen lassen sie sich nur darin, als dass Mutterglück ungetrübt zu sein hat. Die Mutter sich unabdingbar in den Dienst des Kindes zu stellen hat. Kaum jemand, der dazu keine Meinung hätte. Und sie für sich behielte. Ratschläge und Warnungen kommen von allem Seiten. Kein roher Fisch! Ohne Tragetuch geht gar nichts! Ja nicht auf dem Bauch schlafen lassen! Das setzt Frauen zunehmend unter Druck.

Die Rollenbilder, die bis vor gut dreißig Jahren festlegten, was eine Mutter zu leisten hat, sind aufgeweicht. Ebenso wie die Großfamilien und Dorfgemeinschaften. Das gibt Frauen mehr Raum zur Selbstgestaltung, hinterlässt aber auch eine Leerstelle. Auch das engste Korsett gibt letztlich Halt. Mit der neuen Selbstverantwortung steigt der gesellschaftliche Druck, auch auf sich allein gestellt, alles richtig zu machen. Eine Folge davon sind die Überforderung der Mütter und die Sehnsucht nach einem Leben vor der Zeitenwende. Bevor sie Mütter wurden, waren sie normale Individuen, die auch Fehler machten. Als Mutter werden sie plötzlich an einem mythischen, unerreichbaren Idealbild gemessen. Fehler nicht mit eingeplant.

Die eigene Mutterschaft zu bereuen oder auch nur in Frage zu stellen, ist eines der letzten Tabus unserer Zeit. Mutterschaft erfüllt, macht uneingeschränkt glücklich. Ambivalenz ist hier nicht vorgesehen. Noch dazu, wo das immer höhere Alter der Erstgebärenden die Zahl derer steigen lässt, die ungewollt kinderlos bleiben. Und dieser Debatte mit Unverständnis begegnen. Doch es sind auch und vor allem Mütter von Wunschkindern, die sich hier zu Wort melden. Dass sich das Mutterglück jenseits einer postnatalen Depression nicht immer sortenrein präsentiert, das thematisieren immer mehr Frauen auch öffentlich. Nach Diskussionen in Internet-Foren hat das Thema den Sachbuchmarkt erreicht. Vier eben erschienene Bücher verschaffen Überblick über den Stand der Debatte.

Am Anfang der jüngsten "#regretting motherhood"-Diskussion steht die israelische Soziologin Orna Donath. Sie sorgte mit ihrer eben auf Deutsch erschienenen Studie für Aufsehen, in der sie mit 23 Frauen zwischen 26 und 73 Jahren darüber gesprochen hat, warum sie es bereuen, Mutter geworden zu sein. In den ausführlichen Interviews verhandelt sie Themen wie Kinderwunsch, gesellschaftliche und persönliche Erwartungen und den Punkt, an dem das Glück zu kippen begann, sich jene Reue einstellte, die nicht mehr weichen wollte. Den Frauen geht es dabei nicht um die Vereinbarkeit von Kind und Karriere, auch wenn das immer wieder auftaucht. Es geht um den Verlust ihrer Identität, um die Vereinbarkeit der Mutterschaft mit einem selbstbestimmten Leben. Um die Vereinbarkeit von Frau und Kind.

Die deutsche Journalistin Esther Göbel hat in "Die falsche Wahl" versucht, die Thesen Donaths auf deutsche Mütter umzulegen. Dazu führt sie eigene Interviews, begibt sie sich auf die Spur des Muttermythos, hinterfragt Mutterliebe als Instinkt und erörtert die Anfänge der Psychologisierung der Mutter-Kind-Beziehung. "Belastungen von Müttern sind gesellschaftlich bedingt und kein individuelles Versagen", resümiert sie. Sie spricht sich für neue authentische Mütterbilder aus, für mehr Unterstützung. Und sie spricht Müttern Mut zu, ihren eigenen Weg zu gehen.