Strahlender Müll: Ein Umwelt-Beamter misst in der Mine Asse II die Strahlungswerte. - © afp
Strahlender Müll: Ein Umwelt-Beamter misst in der Mine Asse II die Strahlungswerte. - © afp

Berlin/Braunschweig. Die Tür des Förderkorbs fällt rasselnd ins Schloss, dann geht es hinab in diesen gigantischen Fuchsbau namens Asse in Niedersachsen, Deutschlands ältestes Atomlager. Zehn Meter pro Sekunde rast der Förderkorb in die Tiefe, hunderte Meter unter der Erdoberfläche. Durch die Gitter weht ein kalter Wind. Der Dresscode: weiße Bergmannskluft, Sauerstoffgerät über der Schulter, dazu ein Dosimeter, das die Strahlung misst. So schreibt es der Strahlenschutz vor.

Eine gute Minute später, 750 Meter unter der Erdoberfläche auf einer der horizontalen Ebenen des ehemaligen Salzbergwerks steht das Dosimeter noch immer auf null - keine Strahlung. Es ist warm hier unten, über 30 Grad. Hinter dem Eingangsgewölbe ziehen sich breite Gänge durch den Berg, deren Verästelungen sich in der Ferne im Dunkel verlieren. Trotz des bleichen Gesteins ist es schummrig, die Luft ist trocken, salzgesättigt beißt sie sich in Augen, Nase und Mund.

Unter der Oberfläche verborgen beherbergt der Höhenzug Asse ein gewaltiges Gangsystem mit 13 Stock. Ehemals machten 15 Kilometer Fahrstrecke die 150 Kammern zugänglich, manche davon so groß wie ein Konzertsaal. Momentan sind nur noch vier Kilometer Strecke befahrbar und nur 13 Kammern werden noch genutzt. In diesen Kammern lagern die gefährlichen Reste der bundesdeutschen Atompolitik: rund 47.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Atommüll.

Jahrzehntelang wurde Asse II von der Bundesregierung als Forschungsbergwerk bezeichnet. Das Labyrinth entstand 1909, als man Kalisalze abbaute und dabei im Berg ein immer tieferes Gangsystem aushöhlte. Der geförderte Rohstoff wurde unter anderem als Speisesalzmarke "Asse Sonnensalz" abgesetzt. Mitte der 1960er Jahre erwarb die Bundesrepublik Deutschland das inzwischen stillgelegte Bergwerk Asse II. Von 1967 bis 1978, als die Politik auf Atomkraft setzte, lagerte man hier 126.000 Fässer Atommüll ein, die meisten von ihnen liegen auf der 750-Meter-Ebene. Verantwortlich war die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), heute unter dem Namen Helmholtz Zentrum München bekannt. Die Atomenergie galt als Verheißung, und der Philosoph Ernst Bloch wollte mit ihrer Hilfe sogar die "Antarktis zur Riviera verwandeln".

Das Atommüll-Grab

Die Asse galt als sichere Deponie. In dem 1974 von der GSF herausgegebenen Film "Verbannte Materie" heißt es, Salzstöcke seien gegen das Grundwasser abgeschirmt und ihre Struktur werde sich auch in Zukunft nicht ändern. "Deshalb sind Salzbergwerke besonders geeignet, um radioaktive Abfälle jeder Art für alle Zeiten aufzunehmen, ohne dass daraus je eine Gefahr erwüchse."

Heute liegt in dem Salzstock das Vertrauen in die Atomenergie begraben. Kaum ein Ort zeigt deutlicher, wie sehr sich in den vergangenen Jahrzehnten unser Glaube an technische Machbarkeit und an die Erkenntniskraft der Wissenschaft gewandelt hat.

Noch am Eingang der Sohle deutet Jens Köhler, technischer Geschäftsführer der Asse GmbH, mit seinem Finger an die Decke: Über das Gewölbe zieht sich ein etwa zwei Meter langer daumendicker Riss. "Das Gebirge bewegt sich. Wir hören es täglich knacken", sagt der Bergbau-Ingenieur. Das Gewicht des Deckgebirges, das wie ein Mantel über dem erdgeschichtlich älteren Salzstock liegt, drückt stetig. Durch die dabei entstehenden Risse sickern täglich 12.000 Liter Wasser in die Asse und höhlen das Salzgestein aus. Die Statistik sagt, dass in Norddeutschland von 255 Salzbergwerken 89 abgesoffen sind. Doch hier ist bis auf den Riss nichts zu sehen. Keine Feuchtigkeit, keine Tropfsteine. Trotzdem messen die Techniker den Riss regelmäßig und beobachten akribisch, ob er sich verändert. Denn es besteht die Gefahr, dass die Grube kollabiert und Wasser in die Einlagerungskammern eindringt. "Dieses Szenario hängt wie ein Damoklesschwert über uns", erklärt Werner Nording, Sprecher des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS).

Asse II war lange Zeit mit den Begriffen "Versuchseinlagerung" oder "Versuchsendlagerung" verknüpft. Sie war ein Pilotprojekt: Was man im Endlager Gorleben umsetzen wollte, testeten Wissenschaftler im Bergwerk Asse. Geologisch war der Salzstock mit Gorleben vergleichbar. Das Institut für Tieflagerung der GSF erforschte im Gangsystem der Asse, ob eine Endlagerung unter der Erde möglich ist. Wenn die Versuche hier gelingen, so hoffte man, würde auch das Endlager Gorleben genehmigt.

Es gab aber stets Warnungen vor einem Eindringen von Wasser in das Versuchslager und 1992 entschied das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Forschungsarbeiten in der Schachtanlage einzustellen. 2008 kochte das Thema erneut hoch, weil bekannt wurde, dass sich unter Tage ein Laugenteich gebildet hatte, in dem der neunfache Wert über der Freigrenze für radioaktives Caesium gemessen wurde. Daraufhin entzog der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) dem Helmholtz-Zentrum München die Zuständigkeit für die Asse: Der Betreiber, so die Begründung, habe ungenehmigt mit radioaktiven Stoffen hantiert und diese unsachgemäß behandelt. Wissenschafter, Behörden und Politiker schoben sich gegenseitig die Verantwortung zu - das Wort von Asse als "Lügengrab" machte die Runde.