Kiew. Der Herr in der Militärjacke schüttelt den Kopf. "Wahrscheinlich nie wieder", sagt er leise auf die Frage, wann den jemals wieder Menschen hier leben könnten. Innerhalb der Zehn-Kilometer-Zone rund um den Reaktor 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl, der im April 1986 explodierte und infolge die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie viele Länder in Europa radioaktiv kontaminierte, auf keinen Fall. Innerhalb des restlichen Sperrgebiets, einem 30-Kilometer-Radius, "je nach Dichte der Verschmutzung". Prognosen wagt Igor aber keine. Und wenn, dann würden sie wohl eher in Jahrhunderten und nicht in Jahren ausfallen. Dann drückt der Ukrainer, der vier Tage die Woche Touristen vor allem aus Europa und den ehemaligen Sowjetstaaten durch die Sperrzone führt, wieder auf den Geigerzähler, und alle starren gespannt auf das Gerät in seiner Hand, das ruhig piepst. 0,2 Mikrosievert pro Stunde zeigt es hier auf der Straße nach dem ersten Checkpoint an - kaum mehr als die natürliche Hintergrundstrahlung in Kiew oder Wien.

Igor kennt aber die Stellen in dem Gebiet rund 110 Kilometer nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt, an denen sich der Geigerzähler überschlägt. Der Bus hält in Kopachi - oder dem, was von dem 1100-Einwohner-Dorf, das nach dem Unglück dem Erdboden gleichgemacht wurde, übrig ist. Igor hält den Zähler knapp über den Boden, das Messgerät piepst ununterbrochen und weist schließlich 14,2 Mikrosievert stündlich aus, mehr als zehn Mal so viel wie bei einer Röntgenuntersuchung. Sich hier ein paar Minuten umsehen sei in Ordnung, sagt er, aber nicht mehr. Anfassen darf man den Boden oder jegliche andere Vegetation ohnehin nicht - dazu hat man sich vor der Abfahrt schriftlich verpflichtet.

Bis auf 300 Meter dürfen heute Besucher in Tschernobyl an den havarierten Unglücksreaktor heran. Einen Großteil des Sperrgebietes hat die Natur zurückerobert. Eschbacher
Bis auf 300 Meter dürfen heute Besucher in Tschernobyl an den havarierten Unglücksreaktor heran. Einen Großteil des Sperrgebietes hat die Natur zurückerobert. Eschbacher

Vier bis sechs Mal höher als vor dem Super-GAU ist die Strahlenbelastung auch heute noch in Pripyat - der "Geisterstadt" des Sperrgebietes. Sie liegt drei Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt und wurde 1970 extra für Arbeiter der Atomanlagen errichtet. 1986 lebten hier 50.000 Menschen, jährlich wurden 1000 Kinder geboren, das Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren, erzählt Igor.

Dornröschenschlaf auf immer

Heute gibt es in Pripyat nichts mehr außer Stille. Die weitgehend lautlose Natur hat alles zurückerobert. Die Straßen, die in den Jahren nach dem Unglück dekontaminiert wurden, sind verwachsen, gleich wie der Hauptplatz und ein Vergnügungspark, der friedlich unter Moos und Büschen schlummert. Rostige Sessel oder Nähmaschinen liegen entlang der verfallenen Wohnblöcke; im Inneren sind die Räume verwüstet, vergilbte Kalender erinnern daran, wann hier die Zeit stehen geblieben ist. Erst 36 Stunden nach dem Unglück wurden die Bewohner innerhalb von dreieinhalb Stunden in 2000 Bussen evakuiert. Zwei Stunden hatten sie Zeit zu packen. Der Großteil ihres Hab und Guts liegt heute noch dort.

Nur einmal wird es hier laut - als nämlich Igor die Besucher, leicht panisch ermahnt, doch sofort wieder aus den Gebäuden zu kommen und die gepflückten Äpfel zurückzulegen. Erst kürzlich sind Decken in zwei Häusern eingestürzt, zum Glück kam niemand zu schaden, erzählt der Reiseführer. Die ukrainische Regierung denkt bereits länger darüber nach, die ganze Stadt zurückzubauen. Dass mit den Arbeiten noch nicht begonnen wurde, liegt wohl am fehlenden Budget.

Früher lebten in dem heutigen Sperrgebiet 115.000 Menschen. Und auch wenn Pripyat und andere Dörfer komplett geräumt wurden: Gänzlich menschenleer ist das Gebiet um Tschernobyl nicht. Es gibt 200 Rücksiedler, die in Tschernobyl-Stadt und sieben anderen Orten leben. "Die sind im Schnitt 75 Jahre alt", sagt Igor. Die gesamte Infrastruktur, abgesehen von Kindergärten und Schulen, ist vorhanden, die Bewohner werden regelmäßig untersucht.

Zudem arbeiten 7000 Menschen nach wie vor in dem Gebiet, 3000 davon direkt bei den Atomanlagen - diese müssen nach wie vor überwacht werden, aber auch radioaktive Abfälle abgebaut werden. Drei Mal täglich bringt ein Zug die Arbeiter, die 50 Kilometer außerhalb leben, in die Sperrzone. Sie verdienen im Schnitt 1000 US-Dollar im Monat, das sei "besser als draußen".

Bis auf 300 Meter dürfen Besucher an den mit einem "Sarkophag" aus Stahlbeton ummantelten havarierten Reaktorblock heran. Die Strahlenbelastung an dem Ort ist nicht hoch, im Umkreis von einem Kilometer wurden fünf Zentimeter der Erde abgetragen und neue verlegt. Wenige Meter gegenüber wird gerade ein neuer Sarkophag gebaut, 110 Meter hoch, der nach Fertigstellung - diese ist für 2015 anvisiert - über den alten gerollt werden soll und Vorrichtungen beinhaltet, mit denen man alle radioaktiven Stoffe aus dem Unglücksreaktor herausholen will. Offiziell soll das bis 2023 dauern. Igor aber wagt aber auch hier keine eigene Einschätzung.