Wien. In den Morgenstunden des 26. April 1986 passierte die folgenschwerste Katastrophe in der Geschichte der Atomenergie. Im Kernkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat explodierte ein Reaktor. Nicht die Technik hatte versagt, sondern der Mensch: Während der Simulation eines Stromausfalls missachteten Mitarbeiter Sicherheitsvorschriften und schätzten die Eigenschaften des Reaktors falsch ein.

Heute, fast 30 Jahre später, ist die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen stark gestiegen. Und zwar nicht nur in dem am stärksten kontaminierten Gebiet, dem Verwaltungsbezirk Gomel in Weißrussland, sondern auch im rund 1500 Kilometer entfernten Österreich, über das sich eine Wolke mit dem radioaktiven Fallout gelegt hatte. Seit 1986 haben sich allein die Krebserkrankungen der Schilddrüse laut Statistik Austria verdreifacht. Aktuell sind es rund 900 neue Krebspatienten jährlich. Das sind zwar noch immer deutlich weniger als bei Lungen- oder Brustkrebs (4000 respektive 5400 Neuerkrankungen pro Jahr), von einer Schilddrüsenerkrankung ist aber bereits jeder vierte Österreicher über 50 betroffen.

Intensivere Suche
nach Erkrankungen

Freilich sind die Auswirkungen von Tschernobyl hierzulande weit weniger dramatisch als in Gomel, wo Schätzungen zufolge ein Drittel aller Kinder, die zum Unglückszeitpunkt jünger als vier Jahre alt waren, im Laufe ihres Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken werden. Die Tschernobyl bedingten Krebsfälle in Österreich deckten auch lediglich einen Teil der Schilddrüsenerkrankungen ab, sagt Gerhard Wolf, Schilddrüsenspezialist am LKH Graz, zur "Wiener Zeitung".

Dass die Zahl dieser Erkrankungen weiter steigen werde, sei einerseits dem medizinischen Fortschritt und der genaueren "Suche" zu verdanken, andererseits hänge es mit einer Jodanreicherung im Körper zusammen. Freilich trügen auch die demografische Entwicklung und das Älterwerden der Bevölkerung ihren Teil dazu bei.

Aber alles der Reihe nach. "Früher war man erst dann krank, wenn man einen Knoten an der Schilddrüse gesehen hat", sagt Wolf. Die nur 20 Gramm schwere, am Hals gelegene Hormondrüse mit der Form eines Schmetterlings wurde unterbewertet - oder schlichtweg vergessen. Heute werden dank Ultraschall schon beginnende, kleine Karzinome entdeckt. Zudem untersuchen Internisten seit etwa fünf Jahren parallel zum klassischen Blutbild zunehmend die Schilddrüsen-Werte. Werden Abnormitäten erkannt, wird der Patient zum Spezialisten geschickt.