Kiew/Wien. Ein Kurzschluss war es, der den Störfall im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja ausgelöst hat. In dem leistungsstärksten Kernkraftwerk Europas ist nach der Panne der dritte Reaktorblock abgeschaltet worden. Der technische Defekt hat sich nach Angaben des Kraftwerksbetreibers bereits am vergangenen Freitag ereignet. Dass der Störfall erst am Mittwoch publik wurde, weckte bei vielen Ukrainern ungute Erinnerungen an die Atomkatastrophe von Tschernobyl von 1986 - auch damals wurde die Weltöffentlichkeit erst Tage später informiert. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Störfällen in ukrainischen Atomkraftwerken. Regierungschef Arseni Jazenjuk forderte jedenfalls am Mittwoch von Energieminister Wladimir Demtschischin umgehende Aufklärung über den "Atomunfall" in der Anlage Saporischschja.

Der beschwichtigte sogleich. "Es gibt nichts Gefährliches", betonte der erst vor wenigen Tagen ernannte Minister. Erhöhte Radioaktivität sei nicht gemessen worden. Der Vorfall stehe in keinerlei Zusammenhang mit der eigentlichen Stromerzeugung, sondern betreffe das Stromverteilungssystem des AKW. Bis Freitag sollte "das Problem" beseitigt sein. "Das ist eine technische Frage - und obwohl der dritte Block abgeschaltet ist, stellt er keine Gefahr dar", versicherte der Minister. Auch das französische Institut für Atomsicherheit (IRSN) hat im 750 Kilometer entfernten Kiew nach eigenen Angaben keine außergewöhnliche radioaktive Belastung gemessen. Vorerst Entwarnung kam auch vom Gesundheitsministerium in Wien.

Doch Ukraines Atomenergie ist ein Hazardspiel. Wie die meisten AKW in dem Land ist das im Südosten gelegene AKW Saporischschja technisch völlig veraltet und für seine Störanfälligkeit bekannt. Erst Mitte November war in dem leistungsstärksten Atomkraftwerk Europas bei einem der Reaktoren die Automatik ausgefallen. Das AKW mit Reaktorblock 1 war bereits 1984, zwei Jahre vor dem Super-GAU von Tschernobyl, in Betrieb genommen worden, die übrigen fünf Druckwasserreaktoren der Anklage sowjetischer Bauart - derselben wie Temelin - mit einer Leistung von jeweils 950 Megawatt folgten die Jahre darauf. Auch die übrigen im Land betriebenen AKW in der Ukraine entsprechen keinesfalls modernen Anforderungen.

Auch die übrigen neun Reaktorblöcke des Landes, die auf die drei Anlagen Chmelnytzkyj, Riwne und Juzhnaukrainsk (Süd-Ukraine) aufgeteilt sind, entsprechen großteils nicht westlichen Sicherheitsstandards. Zwölf der ältesten kommen bald ans Ende ihrer vorgesehenen Laufzeit. Dennoch und trotz der dramatischen Erfahrungen von Tschernobyl will die Ukraine diese weiterbetreiben. Ausstiegspläne gibt es nicht.Die Lebensdauer der alten Reaktoren soll um 30 Jahre verlängert werden. Statt 30 Jahre ist vorgesehen, sie bis zu 60 Jahre in Betrieb zu lassen. Schließungen werden so lange hinausgezögert, bis es nicht mehr geht. Das wurde beim AKW Tschernobyl deutlich. Dort wurden die letzten Blöcke erst Ende 2000 - 14 Jahre nach der damals schlimmsten Atomkatastrophe weltweit - endgültig abgeschaltet; nach zahlreichen Pannen und heftigsten Protesten von internationalen Umweltorganisationen.

Auch der GAU in Fukushima im Jahr 2011 hat in Kiew kein Umdenken bewirkt. Während zahlreiche Länder als Reaktion auf Japans Nukleardesaster ihre Atomenergie überdachten und Deutschland sogar den Ausstieg beschloss, kündigte die Ukraine an, die Atomenergie bis 2030 drastisch ausbauen zu wollen. Zwei Reaktoren sind derzeit in Bau. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Modernisierung jener 12 Reaktoren, die seit Jahrzehnten am Netz sind.

EU-Kredite

Unterstützung erhält die Ukraine dabei von der EU. Im März des Vorjahres gaben die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und die EU-Atomagentur Euratom für Kredite aus europäischen Steuergeldern in Höhe von insgesamt 600 Millionen Euro frei. Insgesamt wird das Safety UpgradeProgram 1,4 Milliarden Euro kosten und Ende 2017 abgeschlossen sein. Beschlossen wurde es allerdings ohne strategische Umweltprüfung, was vor allem bei Umweltorganisationen für heftige Empörung sorgte. "Es ist von höchster Wichtigkeit, dass die Nuklearanlagen den strengsten, international anerkannten Standards entsprechen, da es sich bei der Nuklearsicherheit eindeutig um eine grenzüberschreitende Angelegenheit handelt", begründete die EBRD die Hilfe zugunsten der Laufzeitverlängerung. Dafür hatte sich die Ukraine freiwillig an den AKW-Stresstests der EU 2012 beteiligt, seit 2010 synchronisiert Kiew das eigene Energiesystem mit dem von Europa. Derzeit deckt das Land 40 Prozent seines Strombedarfs aus Atomkraft.

Die Umweltschutzorganisationen sind skeptisch, was die Nachrüstungen betrifft. "Die ,Sicherheitsverbesserungen‘ sind vorgeschoben, um die ukrainischen AKW oberflächlich zu behübschen und die Lieferung von schmutzigem, von uns auch noch subventioniertem Atomstrom in die EU zu erlauben", moniert Global-2000-Experte Reinhard Uhrig. Die am meisten von der nuklearen Kettenreaktion belasteten Teile, Reaktordruckbehälter und Primärkreislauf, würden weder repariert noch ausgetauscht. Global 2000 fordert deshalb die Stilllegung der alten AKW.

Insbesondere jener Atomkraftwerke, die wie Saporischschja in unmittelbarer Nähe der Bürgerkriegs-Region liegen. "Die sofortige Stilllegung der Anlage ist allein wegen ihres Standortes dringend notwendig."