Wien. (rs) Beim vor knapp zehn Tagen zu Ende gegangenen Klimagipfel hat man die Sache zumindest formal völlig umschifft. Im Pariser Abkommen, das die Welt vor dem endgültigen Hitzekollaps bewahren soll, wird das Thema Kernenergie mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Doch die Atomkraft könnte neben den erneuerbaren Energien zu den großen Profiteueren gehören, wenn die internationale Gemeinschaft ihre Pläne zur Begrenzung der Erderwärmung tatsächlich so umsetzt wie versprochen. Denn trotz der Katastrophe von Fukushima, die 2011 in vielen Staaten die Ausstiegsdebatte befeuert hat, wird die Atomkraft heute von vielen Regierungen wieder als unverzichtbare Brückentechnologie gesehen, die die Lücken stopft, die mit der Abschaltung von Kohle- und Gaskraftwerken entstehen. Einen radikalen Schlussstrich hat bisher lediglich Deutschland
gezogen. Nach Fukushima wurde die Verlängerung der Laufzeiten der noch bestehenden Atomkraftwerke abgesagt, im Jahr 2022 soll dann endgültig der letzte deutsche Meiler außer Betrieb gehen.

Die Schweiz
, die derzeit noch rund 40 Prozent ihres Stroms in fünf AKW produziert, will erst deutlich später aussteigen. Nach Laufzeiten von 50 Jahren soll 2019 der erste Reaktor vom Netz gehen, 2034 der letzte.

An der Atomenergie festhalten will hingegen Frankreich.
Das Gastgeberland der Klimakonferenz, das in Europa über die meisten Kernkraftwerke verfügt, argumentiert auch mit der Sicherheit. Laut der Regierung in Paris sind die 58 Anlagen im Land viel weniger pannenanfällig als andere AKW. Langfristig strebt Präsident François Hollande eine Senkung des Atomstromanteils von derzeit 75 auf 50 Prozent an. Gleichzeitig werden aber neue Reaktoren gebaut. Bis 2018 soll in Flamanville der erste europäische Druckwasserreaktor in Betrieb gehen.

Auch Großbritannien
hat den Neubau mehrerer Reaktoren angekündigt, da in den kommenden Jahren jedes fünfte seiner alternden Atomkraftwerke ersetzt werden muss. Wegen staatlicher Beihilfen beim Bau des AKW Hinkley Point C hat Österreich im Juli Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. Aus Sicht der Regierung in Wien sind nur alternative Energieformen förderungswürdig, nicht aber die Kernkraft.

Massiv in den Ausbau der Atomkraft wird zudem in Osteuropa investiert. In der Slowakei
werden derzeit im AKW Mochovce ein dritter und vierter Reaktorblock gebaut, auch Tschechien
hält am Ausbau des umstrittenen AKW im südböhmischen Temelin fest. Die Ukraine
will bis 2030 die Reaktorzahl von derzeit 15 auf 45 steigern. Auch Russland
will bis dahin 30 neue AKW bauen.