Huy. Die Aufregung ist mittlerweile schon über die Grenze nach Deutschland geschwappt. Und dort machen vor allem Umweltverbände und die Grünen keinen Hehl daraus, was sie von der Wiederinbetriebnahme der alternden und pannengeplagten belgischen Atommeiler halten. Von "Schrottreaktoren", "Skandalgeschichte" und "russischem Roulette" ist da die Rede und davon, dass die deutsche Bundesregierung nun endlich Druck in diesem Zusammenhang machen muss.

Ob sich dadurch viel ändern würde, ist freilich fraglich, denn Belgien hält im Atomkraft-Streit unbeirrt an seinen Plänen fest. Am Montag ging der Reaktor Doel 3 wieder ans Netz, der wegen tausender Haar-Risse in der stählernen Außenhülle seit 2014 stillgelegt war. Bereits in der vergangenen Woche war eine baugleiche Einheit im ebenfalls umstrittenen AKW Tihange wieder in Betrieb genommen worden. Für beide Anlagen hatte die nukleare Kontrollagentur FANC im November eine positive Sicherheitsbeurteilung abgegeben. Umweltorganisationen halten diese Bewertung aber für vorschnell und fahrlässig.

Die beiden jetzt wieder ans Netz gegangenen Kernkraftwerke sind aus Sicht der Umweltschützer allerdings nicht die einzigen Problemfälle, denn auch die Reaktoren Doel 1 und 2 sollen noch vor Weihnachten wieder gestartet werden. Beide waren vom Netz gegangen, nachdem sie die gesetzlich vereinbarte Betriebsdauer von 40 Jahren erreicht hatten. Im Rahmen der Verzögerung des belgischen Atomausstiegs, der 2003 beschlossen wurde, stimmte das Parlament im heurigen Sommer einer Laufzeitverlängerung bis 2025 zu.

Das belgische Anti-Atom- Bündnis Nucléaire StopKernenergie will deswegen Klage wegen Gefährdung der Bevölkerung einreichen. Im Fall einer Katastrophe in Tihange müssten fünf Millionen Menschen evakuiert werden, die im Umkreis von 75 Kilometern leben, sagt Leo Tubbax, der Sprecher der grenzüberschreitenden Initiative. In Doel bei Antwerpen gehe es sogar um neun Millionen, die durch die Lage Antwerpens an der Schelde und deren Untertunnelung zudem nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden könnten.

Ein AKW als Schutzpatron


Doch die Botschaft, die Tubbax und andere Aktivisten zu verbreiten versuchen, verfängt in Belgien nur bedingt. Denn die meisten Menschen hier haben ein eher pragmatisches Verhältnis zur Atomkraft, zumal diese für insgesamt 4200 Arbeitsplätze steht. Das Städtchen Huy etwa, das keine fünf Kilometer Luftlinie von Tihange entfernt liegt, hebt sich nicht zuletzt durch die Steuereinnahmen der Betreibergesellschaft Electrabel optisch von den umliegenden wallonischen Schwerindustriestandorten ab. In Doel hat man sogar eine noch speziellere Beziehung zum dortigen AKW, denn seit Jahrzehnten ist das Dorf an der Schelde durch Ausweitungspläne des Antwerpener Hafens vom Abriss bedroht. Die Sicherheitszone rund um den Meiler, in der industrielle Aktivitäten verboten sind, hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass Doel überhaupt noch existiert. Vor diesem Hintergrund wirken die Kühltürme, die sich am Scheldedeich über das Dorf erheben, wie ein Schutzpatron.

Wenn Leo Tubbax und seine Mitstreiter hier in der Gegend Flugblätter verteilen, treffen sie dementsprechend häufig auch auf Unverständnis. "Oft fragen die Menschen, was ist denn letzte Woche schon passiert, oder vorletzte?", erzählt der Aktivist. Dass mehr passiert, als die meisten hier wahrhaben wollen, legen aber nicht nur die in den Reaktorhüllen entdeckten Haarrisse nahe. Erst am Freitagabend brach im nichtnuklearen Teil von Tihange 1 ein Feuer aus, woraufhin der Reaktor automatisch abgeschaltet wurde. Von Umweltschützern werden aber nicht nur die häufigen Pannen bemängelt. Kritik entzündet sich auch daran, dass in Belgien ein langfristiges Konzept für Atommüll fehlt. Laut Electrabel-Sprecherin Anne-Sophie Hugé wird der atomare Abfall derzeit auf dem Gelände der Kraftwerke aufbewahrt. Nach einem geeigneten Endlager sucht man derweil noch.


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