• vom 29.07.2016, 20:40 Uhr

AKW weltweit

Update: 29.07.2016, 21:22 Uhr

Atomkraftwerk

Wird Hinkley Point doch nicht gebaut?




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Von Peter Nonnenmacher aus London

  • Die britische Regierung prüft nochmals, ob das AKW im Interesse des Vereinigten Königreichs liegt.

Der Plan von EDF für das Atomkraftwerk. - © afp/EDF Energy

Der Plan von EDF für das Atomkraftwerk. © afp/EDF Energy

London. Im Juli des Vorjahres hat Österreich gegen die Subvention des Baus des britischen Atomreaktors Hinkley Point C durch die Europäische Union Klage beim EU-Gericht eingebracht. Am Freitag löste die Entscheidung von Premierministerin Theresa May Verwirrung aus, die für dieses Wochenende erwartete Genehmigung zum Bau eines gigantischen neuen Atomkraftwerks vorerst noch nicht zu erteilen. Mays gerade erst formierte Tory-Regierung will erst noch einmal "gründlich prüfen", ob der Bau wirklich im Interesse des Vereinigten Königreichs liegt, bevor sie im September in dieser Frage ein Urteil fällt.

Bei dem Bau handelt es sich um zwei Atomreaktoren, die der französische Energieriese EDF im Südwesten Englands, am Bristol-Kanal gegenüber der walisischen Hauptstadt Cardiff, bauen soll. Hinkley Point C wäre das erste neue Atomkraftwerk in Großbritannien seit mehr als 20 Jahren. Es sollte den Bau weiterer Atommeiler nach sich ziehen und so eine neue "nukleare Renaissance" auf der Insel einleiten. Eine solche Ära hatte schon vor zehn Jahren der damalige Labour-Premier Tony Blair angekündigt.

Grünes Licht aus London schien dem Projekt gewiss, nachdem ihm am Donnerstag auch das EDF-Direktorium in Paris zustimmte - wiewohl mit nur zehn von 18 Stimmen, einem Protest-Rücktritt und lautstark geäußerten Sorgen über die finanzielle Belastung EDFs durch den Bau. Die britische und die französische Regierung hatten sich seit Langem für den Deal ausgesprochen, die Vertragsunterzeichnung war für diesen Freitag vorgesehen.

Dazu kam es nicht. Der britische Wirtschafts- und Energieminister Greg Clark erklärte, London wolle "sorgsam alle Komponenten dieses Projekts überprüfen und dann im Frühherbst eine Entscheidung treffen".

Atomkraft-Gegner hoffen
auf eine Wende

Britische und heimische AKW-Gegner hoffen nun, dass sich hier eine späte Wende anbahne, und Hinkley Point C möglicherweise gar nicht gebaut werde. Das EDF-Projekt widerspreche aller Logik, erklärten die grünen Verbände der Insel: Es basiere nicht nur auf einer fragwürdigen Technologie, sondern bürde den Briten auch enorme Risiken und gewaltige Kosten auf - d das in einer Zeit, in der es längst bessere und billigere Methoden der Energieversorgung gebe.

Hinkley Point C, meinte die Grünen-Abgeordnete Caroline Lucas am Freitag, wäre "der teuerste weiße Elefant der britischen Geschichte". Die Baukosten allein sind auf 18 Milliarden Pfund veranschlagt. Ein Drittel dieser Summe will der an dem EDF-Projekt beteiligte chinesische Atomkraft-Konzern China General Nuclear Power Corporation übernehmen. Die Betriebskosten, die per fixem Atomstrom-Kaufpreis auf die britischen Abnehmer umgelegt würden, lägen freilich weit höher.

Selbst die britische Rechnungsprüfungs-Stelle, das National Audit Office (NAO), hat erklärt, der britische Steuerzahler müsse womöglich für Subventionen im Wert von über 30 Milliarden Pfund aufkommen. Erneuerbare Energiequellen, meinte das ENO, könnten sich als wesentlich günstiger erweisen als dieses Mega-Projekt.

Davon gehen auch die Umweltschutz-Verbände der Insel aus. Sie befürchten zugleich, dass staatliche Milliarden-Subventionen für Hinkley den zögernd wachsenden Sprösslingen im Bereich erneuerbarer Energie alles Wasser abgraben würden. Letztlich, meint man etwa bei Greenpeace, sei Hinkley "etwas, was wir uns gar nicht erlauben können, und was auch nirgendwohin führt".

"Während der Rest der Welt die Nutzung smarter Energiesysteme des 21. Jahrhunderts immer mehr beschleunigt", warnte gestern auch der Umweltexperte des Londoner Guardian, Damian Carrington, die Nation, "ist Hinkley ein Rückfall ins nukleare Zeitalter des 20.Jahrhundert." Dem widersprechen die Hinkley-Befürworter nachdrücklich. Im Nationalen Atom-Labor Großbritanniens zum Beispiel besteht man darauf, dass Hinkley "saubere, sichere und verlässliche Elektrizität auf viele Generationen hin" liefern würde. Empört sind über die nun eingetretene Verzögerung auch Arbeiterverbände wie die Industrie-Gewerkschaft, die 25.000 potenzielle Arbeitsplätze in Gefahr sieht.

Zum Grund ihres Zögerns wollte sich die Regierung am Freitag nicht äußern. Vermutungen sprechen davon, dass der Regierung die chinesische Beteiligung an dem Projekt unbehaglich ist - oder dass May Zweifel am kommerziellen Sinn des Projekts gekommen sind.

Freilich haben sich auch die politischen Umstände seit Tony Blair sehr verändert. Vor zehn Jahren, heißt es dazu in der "Financial Times", sei Großbritannien immerhin noch fest in der EU verankert und British Energy das maßgebliche heimische Atom-Unternehmen gewesen. Mittlerweile gibt es British Energy nicht mehr: Und die Briten sind dabei, sich aus der EU zu verabschieden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-29 18:32:04
Letzte Änderung am 2016-07-29 21:22:44


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