Die siloförmigen Tanks , in denen das verstrahlte Wasser aufgefangen wird, bereiten den Verantwortlichen in Fukushima derzeit die größten Sorgen. Bei jedem schweren Regenguss droht ein Überschwappen. - © reuters
Die siloförmigen Tanks , in denen das verstrahlte Wasser aufgefangen wird, bereiten den Verantwortlichen in Fukushima derzeit die größten Sorgen. Bei jedem schweren Regenguss droht ein Überschwappen. - © reuters

Tokio. Nach "Wipha", dem stärksten Taifun seit zehn Jahren in Ostasien, brauen sich im Pazifik schon zwei weitere Wirbelstürme zusammen. Sie sollen kommende Woche Japan erreichen. Mit jedem Taifun wird auch die Lage im havarierten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi brenzliger. Das Regenwasser dringt in die Anlage ein, wird in der Folge verstrahlt und muss dann in speziellen Tanks gelagert werden. Zwar sind die Tanks zur Sicherheit von Schutzwänden umgeben, doch durch den starken Regen am Wochenende wurden elf überflutet. An sechs der Barrieren überstieg der Wert von radioaktivem Strontium den Grenzwert von 10 Becquerel pro Liter, an einer Stelle um das 71-Fache. Man habe die Lage unterschätzt, gab ein Sprecher des Betreibers Tokyo Electric Power (Tepco) zu. Neue Pumpen soll nun eine Wiederholung verhindern.

Aber nicht nur Regen, auch menschliches Versagen führt in Fukushima immer wieder zu Problemen. Kürzlich schaltete ein Arbeiter den Strom für die Pumpen zur Reaktorkühlung aus. Fehlende Kühlung hatte vor zweieinhalb Jahren zur Kernschmelze in drei von vier Reaktoren geführt. Mehrere Arbeiter wurden kürzlich verstrahlt, als sie ein Rohr einer Entsalzungsanlage falsch abbauten. Der Chef der Regulierungsbehörde NRA, Shunichi Tanaka, sagte dazu: "Es ist ernst in dem Sinne, dass es ein weiteres Problem ist, das durch Fahrlässigkeit verursacht wurde."

Dass es immer wieder zu solchen Vorfällen kommt, hat oft auch mit der fehlenden Kompetenz der eingesetzten Arbeiter zu tun. Denn die meisten von ihnen sind ungelernte Kräfte, die von Subunternehmern beschäftigt werden. Tepco billigt jedoch das System, bei dem oft drei bis vier Firmen in Folge die Aufträge weiter nach unten vergeben. Beim Arbeiter vor Ort kommt dadurch jedoch nicht mehr viel Geld an. Nicht wenige sollen von der japanischen Mafia angeheuert worden sein. Mangelnde Motivation wird ein immer größeres Problem.

Angesichts der nicht abreißen wollenden Serie an Problemen hat inzwischen selbst der atomkraftfreundliche Premierminister Shinzo Abe das Ausland um Hilfe gebeten - nachdem unzählige Angebote in Japan auf taube Ohren gestoßen waren. Abe will sich engagiert zeigen und Vertrauen wecken, im In- wie im Ausland. Denn vor kurzem hatte er rund um die Olympia-Bewerbung Tokios noch versichert, die Lage sei "unter Kontrolle" - eine Bemerkung, die vielen Japanern sauer aufstieß.

Neben den Problemen in der Reaktorruine selbst gibt es auch Schwierigkeiten bei der Dekontamination der verstrahlten Gebiete außerhalb des Kraftwerks. Auch zweieinhalb Jahre nach dem Gau gibt es noch immer kein Endlager für radioaktive Materialen und erst am Dienstag musste die Regierung zugeben, dass die Säuberung allein der Evakuierungszone um das AKW nicht wie geplant bis März 2014 beendet werden kann, sondern noch bis zu drei Jahre länger dauern werde. Immer wieder kamen in letzter Zeit zudem Vorfälle ans Licht, bei denen Arbeiter verstrahltes Laub kurzerhand in einen Bach gekippt hatten.

Bewohner von Fukushima-Stadt - außerhalb der Evakuierungszone, aber in einer Gegend mit erhöhter Strahlung - hatte bereits vor einigen Monaten gegenüber der "Wiener Zeitung" geklagt, dass manche Stadtteile noch nie dekontaminiert worden seien. Und in den gesäuberten Gebieten sei das verstrahlte Material nur oberflächlich abgetragen und an gleicher Stelle, nur tiefer, wieder eingegraben worden.

Heikler November

Um zu verhindern, dass bei der 40 Jahre dauernden Stilllegung des AKWs noch mehr radioaktives Material in die Umwelt gelangt, holt Japan aber nun immerhin Ideen aus der ganzen Welt ein. Takuya Hattori, Präsident des "Japan Atomic Industrial Forum", sagte, er hoffe auf die Rückkehr junger Forscher, die sich nach dem Desaster von der Atomkraft abgewendet hatten: "Die Stilllegung könnte auf den ersten Blick so aussehen wie das Aufräumen nach einer Party, aber Fukushima stellt auch Herausforderungen und Chancen dar, mit denen sich noch niemand konfrontiert sah."

Das Problem des verseuchten Wassers ist zwar aktuell das drängendste, aber nicht das größte. Ab November will Tepco versuchen, über 1500 Brennstäbe aus dem Abklingbecken in Reaktor vier zu entnehmen. Das gilt als äußerst riskant und manche Experten warnen vor einer weiteren Katastrophe. Eine noch schwierigere Aufgabe, für die es auch keine Präzedenzfälle gibt, steht laut Stilllegungsplan aber im April 2020 an. Dann will Tepco versuchen, das geschmolzene Brennmaterial aus den drei Reaktordruckbehältern zu entnehmen, in denen es zur Kernschmelze kam. Im Sommer des gleichen Jahres wird Tokio, keine 250 Kilometer vom havarierten Kraftwerk entfernt, die Welt zu Olympischen Sommerspielen einladen.