Tokio. Japan blickt erneut nach Fukushima. Mehr als zweieinhalb Jahre nach der folgenschweren Atomkatastrophe hat der Rückbau des völlig zerstörten Kraftwerks Fukushima Daiichi begonnen. Am Montag wurden die ersten Brennstäbe aus dem Abklingbecken des einsturzgefährdeten Reaktorblocks 4 unter Wasser in einen speziellen Transport-Behälter umgebettet. Zwar drängen internationale Experten wegen des prekären Zustands des Reaktorgebäudes zur Eile, doch gleichzeitig warnen sie, dass auch beim Leeren des Beckens die Gefahr eines neuen GAUs droht.

Bis Dienstagnachmittag soll der Transport-Container mit 22 Brennstäben randvoll gefüllt sein. Dann wird der 90 Tonnen schwere Behälter mit einem Kran aus dem Wasser gezogen und auf einen Lastwagen verladen, der die strahlende Fracht zu dem etwa 100 Meter entfernten Sammelbecken bringt, in dem die abgebrannte Brennstäbe aller sechs Reaktoren gelagert werden. Dort werden sie wieder ausgeladen und unter Wasser in neue Stellplätze verfrachtet. Wenn alles gut geht, dauert dieser Prozess etwa eine Woche.

Etwa 70 Mal müssen die Arbeiter diese Prozedur wiederholen, bis voraussichtlich Ende des kommenden Jahres alle der mehr als 1500 Brennstäbe aus dem maroden Reaktorgebäude umgesiedelt sind. 90 Prozent davon sind abgebrannte - beziehungsweise für Wartungsarbeiten vorübergehend im Abklingbecken platzierte - Brennstäbe, die hochgradig radioaktiv sind und unter anderem Plutonium enthalten. Nur 202 Brennstäbe sind noch ungenutzt und strahlen kaum. Insgesamt enthält das Becken Expertenschätzungen zufolge etwa 14.000 Mal so viel Radioaktivität wie die Hiroshima-Bombe.

Internationale Experten hatten lange darauf gedrängt, das Abklingbecken von Block 4 so schnell wie möglich zu leeren, da das Gebäude nach einer schweren Explosion in den ersten Tagen der Reaktorkatastrophe vom März 2011 schwer beschädigt worden war und seither als einsturzgefährdet gilt. Sollte das Reaktorgebäude bei einem der zahlreichen kleineren Beben einstürzen, bevor die Brennstäbe entfernt wurden, droht eine Atomkatastrophe bislang ungekannten Ausmaßes. Wenn die Brennstäbe an die Luft gelangen und übereinander fallen, besteht die Gefahr einer Kettenreaktion, die in einer gigantischen Atomexplosion münden könnte.

Von Pannen geschüttelt

"Sollte die gesamte Radioaktivität aus dem Abklingbecken von Block 4 unkontrolliert und ohne Eindämmung entweichen, könnte dies zur bislang schlimmsten Atomkatastrophe der Welt führen", warnten jüngst die Atomexperten Mycle Schneider und Antony Frogatt. Große Teile Ostjapans, darunter auch die 220 Kilometer entfernte Hauptstadt Tokio, müssten dann möglicherweise evakuiert werden.

Dass die Besorgnis unter Umweltschützern und Nuklearexperten nun groß ist, hat aber nicht nur mit der Komplexität der Operation zu tun. In den vergangenen Monaten war der Fukushima-Betreiber Tepco immer wieder durch Pannen, Schlampereien und Fahrlässigkeit in die Schlagzeilen geraten. Erst vor vier Wochen wurden sechs Arbeiter verstrahlt, als einer von ihnen versehentlich ein Rohr abgetrennt hatte. Kurz davor waren die Kühlwasserpumpen der havarierten Reaktoren irrtümlich abgeschaltet worden.

Doch diesmal, so versichert Tepco-Chef Naomi Hirose, habe man "alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen" getroffen. Angesichts der Gefahren werden die Brennstäbe nur einen Zentimeter pro Sekunde bewegt. Allein das Umbetten des ersten Brennstabs hat nach Angaben von Tepco 39 Minuten gedauert. Die erste Fuhre ist allerdings noch eine Art Testlauf - es werden nur relativ ungefährliche neue Brennstäbe transportiert. Sobald diese Ladung sicher in dem Sammelbecken gelandet ist, wollen die Arbeiter sich an die hochgefährlichen abgebrannten Brennstäbe wagen.

Wenn Block 4 geleert ist, soll frühestens ab 2015 mit der Leerung der Abklingbecken der Reaktoren 1 bis 3 begonnen werden. Dort lagern in ähnlich maroden Becken weitere 1500 Brennstäbe. Doch während es in Block 4 keine Kernschmelze gab, sind die Reaktorkerne in den anderen Blöcken geschmolzen, weshalb die Gebäude so stark verstrahlt sind, dass Menschen sich dort kaum aufhalten können. Um den geschmolzenen Brennstoff zu bergen, muss erst noch eine geeignete Technologie entwickelt werden.