Laut dem Experten war auch die Wettersituation in Japan, was die auf Erdbeben und Tsunami folgende Atomkatastrophe betraf, relativ günstig: "80 Prozent der freigesetzten Radionuklide wurden auf das Meer geweht." Unter Einrechnung einer im Vergleich Tschernobyl um den Faktor zehn geringeren Freisetzung strahlender Substanzen sei die Belastung nur bei zwei Prozent jener nach dem Unfall in der Ukraine gewesen. Weltweit sei allein mit den Kernwaffenversuchen der 1960er-Jahre 120 Mal mehr Cäsium-137 freigesetzt worden als durch das Unglück in Japan, im Pazifik habe man 20 Becquerel pro Kubikmeter Wasser gemessen, etwa die Hälfte des Wertes im Schwarzen Meer. In zehn Jahren werde man im Pazifischen Ozean kaum mehr einen Effekt des Unglücks von Fukushima registrieren können.

Katastrophe durch psychische Konsequenzen

Bei dem Unglück in Tschernobyl starben im April 1986 28 Menschen, weitere 19 kamen direkt aufgrund des Katastrophenfalles zwischen 1987 und 2004 ums Leben. In den am ärgsten betroffenen Regionen kam es zu rund 7.000 Schilddrüsenkarzinom-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen mit 15 Todesfällen, so der Strahlenökologie-Experte Georg Steinhauser am Mittwoch in Wien.    Weiters gehe man als Folge von Tschernobyl von 14.000 bis 17.000 Leukämiefällen aus. Die Atomkatastrophe von Fukushima forderte akut keine Todesopfer. Die Schätzungen für zusätzliche Krebsfälle würden auf etwa 130 lauten, erklärte der Fachmann.

Auch hier seien die Folgen der beiden Katastrophen kaum vergleichbar: "Die zwei Unfälle zu vergleichen, ist fast wie ein Vergleich von Birnen und Äpfeln."    Katastrophal aber seien die Angst, das Los der mehr als 100.000 Menschen, die rund um Fukushima Heimat, Haus, Habe und Existenz verloren hätten: "Das ist das wahre Disaster. Nur fünf Prozent der in Notquartieren Untergebrachten, wollen sofort wieder zurück. Ein Viertel bis ein Drittel sagen, sie wollen auf keinen Fall mehr zurück in ihre Heimatorte. Ein Drittel der unter 29-Jährigen sind arbeitslos. Unter den 50- bis 59-Jährigen haben 41 Prozent den Job verloren", erläuterte der Experte. Die Strahlenangst, das psychische und soziale Trauma seien - mit der Stigmatisierung - die größte Katastrophe.