"Es gibt immer weniger Äußerungen der Unzufriedenheit", erzählt Schulleiter Endo. Viele hätten sich mit der Situation inzwischen abgefunden. Das mache ihm große Sorgen. "In gewissem Sinne sind die Kinder so erwachsen geworden. Sie haben gelernt, den Erwachsenen keinen Kummer durch ihren Willen zu machen". Früher seien sie über Wiesen und Reisfelder gelaufen und wohnten als Kinder von Bauern und Fischern in großen, geräumigen Häusern. Heute müssten sie in engen Behelfsunterkünften die Zeit totschlagen. "Ich bewundere die Geduld der Kinder. Trotzdem finde ich, dass sie zu viel erdulden", sagt Endo. Ihre größte Angst sei, vergessen zu werden. "Wenn die Kinder mitkriegen, dass das Leben woanders ganz normal weitergeht, spüren sie umso mehr, wie wenig ihre eigenen Familien vorangekommen sind".

Plädoyer für den Wiedereinstieg in die Atomkraft

Während die Hauptstadt Tokio, wo die Wähler kürzlich bei der Wahl zum Gouverneur ein klares Plädoyer für den Wiedereinstieg in die Atomkraft abgegeben haben, nachts längst wieder genauso erstrahlt wie vor der Katastrophe, müssen in den Tsunamigebieten noch immer rund 140 000.Opfer in containerähnlichen Behelfsunterkünften hausen. Einer Erhebung des Gesundheitsministeriums zufolge leiden mehr als 30 Prozent der Kinder in den vom Erdbeben und Tsunami betroffenen Gebieten unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD). Auch viele der meist älteren Bewohner leiden unter Depressionen.

Erschwert wird die Lage dadurch, dass der Wiederaufbau nur schleppend vorankommt. Immerhin, die Trümmer des Tsunami sind fast überall beseitigt. Auch sieht man inzwischen mehr Anzeichen für einen Neuanfang. Rund 70 Prozent der beim Tsunami zerstörten Agrarflächen könnten ab diesem Frühjahr wieder benutzt werden, gab das Landwirtschaftsministerium dieser Tage bekannt. Eine leichte Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, als es 63 Prozent waren. Auch seien nun 143 der 319 beim Tsunami zerstörten Fischereihäfen wieder vollständig aufgebaut. Vergangenes Jahr waren es erst 115 gewesen.

Neue Geschäfte ziehen ein, wenn auch teils zunächst in Übergangsgebäuden. Auch in Namie in unmittelbarer Nähe der Atomruine wird für einen Bereich der Stadt, wo die Strahlung niedrig ist, an Plänen gearbeitet, Unterkünfte und Geschäfte zu errichten. Manche sehen in den Atomarbeitern von Fukushima neue Kundschaft. Schließlich werde der Abriss der Atomruine laut Tepco noch 30 bis 40 Jahre dauern, und so lange werde es dort Arbeiter und damit Kunden geben. Doch nicht jeder ist von der Idee begeistert. "So machen wir uns doch letztlich schon wieder abhängig vom Atomkraftwerk", sagt ein Bürger.

Die Regierung hat zugesagt, den Wiederaufbau zu beschleunigen. Mehr als 100.000 Häuser wurden zerstört. In den vom Tsunami überschwemmten Regionen müssen ganze Orte umgesiedelt werden. Das gestaltet sich jedoch schwierig. "Der Kauf von Land läuft nur sehr schleppend, daher können wir nicht anfangen zu bauen", schildert Toshihiro Ozumi, Vize-Bürgermeister der Stadt Otsuchi, in einer Zeitung eines der Probleme. Oft sind die Besitzer der für den Wiederaufbau vorgesehenen Flächen nur schwer auffindbar. In anderen Fällen muss langwierig die Einwilligung von teils mehreren Grundstückserben eingeholt werden. Ein weiterer Grund ist der Mangel an Bauarbeitern. Ein Problem, das sich durch die Olympia-Vergabe an Tokio noch verschärfen könnte. Viele Opfer in den Katastrophengebieten befürchten bereits, dass ihr eigenes Schicksal wegen der Spiele noch mehr in Vergessenheit gerät.