"Es bricht nunmehr ein Zeitalter an, in dem die Menschen beliebig zum Mond fliegen können. Tag für Tag, Monat für Monat schreitet die Wissenschaft voran, und so wird in der Zukunft selbstverständlich eine Arznei erfunden werden, mit der die heute gefürchtete Strahlungsgefahr durch einfaches Besprühen neutralisiert und unschädlich gemacht wird." So versuchten 1967 mehrere japanische Wissenschafter, die der Energiekonzern Chubu Electric Power engagiert hatte, die Bewohner des Städtchens Hamaoka davon zu überzeugen, den Bau eines Atomkraftwerks zu akzeptieren. "Sowohl Strahlung als auch Krebs werden wohl in zehn Jahren besiegt sein", sagten sie.

Die Tricks der Atom-Lobby

Was aus heutiger Sicht hanebüchen klingt, verfehlte seine Wirkung nicht. 1976 ging das Atomkraftwerk in Betrieb. In seinem Blog, der zum Teil für den Sammelband "Lesebuch ‚Fukushima‘" übersetzt wurde, erinnert sich ein ehemaliger Schweißer, der dort und in anderen Atomkraftwerken arbeitete, wie das Atomzeitalter in Japan begann, wie die Atom-Lobby Anwohner überredete und Politiker bestach und was er selbst über die Jahre erlebte.

Auf über 400 Seiten haben die Herausgeberinnen Lisette Gebhardt und Steffi Richter 25 Beiträge von Absolventen von Japanologie-Studiengängen an den Universitäten Frankfurt und Leipzig zusammengestellt. Das in vier Kapitel aufgeteilte "Lesebuch" enthält thematisch geordnete Essays, Kommentare und Übersetzungen, zum Teil bebildert und mit
ausführlichen Fußnoten. Je nach Interesse und Zeit kann sich der Leser einzelne Texte herauspicken; das Buch am Stück zu lesen, ist für das Verständnis nicht nötig.

Der interdisziplinär angelegte Band geht auf das Engagement junger Japanologie-Studierender und ihre "Textinitiative Fukushima" zurück. Kurz nach der Katastrophe begannen sie, japanische Quellen ins Deutsche übersetzten, um sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und um der "intellektuellen Isolierung" Japans entgegenzuwirken. Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob und wie die Ereignisse am 11. März Japan verändert haben. Noch immer harren über 100.000 Menschen fern ihrer Heimat Fukushima in Übergangswohnungen aus. Viele schwanken zwischen Angst vor der Strahlung und Rückkehrwunsch.

Das Kapitel "Atomkraft, Atompolitik, Atomarbeit" ordnet das Geschehene zunächst historisch ein. Es erklärt zum Beispiel, warum Japan trotz der US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki auf Atomenergie setzte und welche Rolle die USA dabei spielten.