Stigmatisierung, Lohnkürzungen und Radioaktivität: das sind einige der Gründe, warum seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima vor drei Jahren viele Beschäftigte der Betreiberfirma Tepco gekündigt haben. Nun kommt ein weiterer Faktor hinzu: besser bezahlte Jobs in der Ökostrom-Industrie.

Ein Vergleich zeigt: während 2010 nur 134 Mitarbeiter von Tepco das Unternehmen verließen, stiegen die Kündigungen ein Jahr später auf 465, gefolgt von 712 im Jahr 2012 und 488 im Vorjahr an. 70 Prozent davon waren unter 40 Jahre alt. Und als das Unternehmen Anfang dieses Jahres den Mitarbeitern frühzeitigen Ruhestand anbot, meldeten sich gleich mehr als 1.151 Personen für dieses Programm an, 1.000 wurden bewilligt.

Schimpfwort Tesco

Aber auch die Unternehmenskultur, die sich in den vergangenen Jahren rasant gewandelt hat, ist mit schuld. Standen früher Aufopferung für ein Unternehmen im Gegenzug für eine lebenslange Anstellung hoch im Kurs, so ist dieses Gleichgewicht gebrochen. Der Ruf des Unternehmens ist nachhaltig geschädigt. Tepco habe nach dem Tsunami nicht angemessen reagiert, mehr noch, das Unternehmen sei auch überhaupt nicht ausreichend auf Katastrophen jeglicher Art vorbereitet gewesen, heißt es. Nicht ohne Grund ist Tepco in Japan mittlerweile ein Schimpfwort.

Die finanziellen Folgen der Atomkatastrophe führten weiters zu massiven Gehaltskürzungen, und die die Kettenreaktionen an Problemen, zum Beispiel dass nach wie vor radioaktiv verstrahltes Wassers austritt, untermauern einmal mehr Tepcos Image als inkompetentes und unverantwortliches Unternehmen. "Niemand will mehr hier arbeiten - sofern er nicht muss", sagt Akihiro Yoshikawa der Associated Press. Der ehemalige Wartungsarbeiter verließ 2012 die Firma und gründete die Initiative "Wertschätzung für die Fukushima-Arbeiter". Damit will er dem "riesigen gesellschaftlichen Stigma" begegnen, das den Arbeitenden in der Atomanlage anhaftet. Viele Tepco-Beschäftigte sind außerdem auch selbst Opfer der Nuklearkatatrophe, auch als Anrainer: ihre Häuser dürfen sie nicht mehr betreten, und sie sorgen sich um ihre Gesundheit und die ihrer Kinder und Familien.

Die Stigmatisierung der Arbeiter in Fukushima geht sogar so weit, dass sie ihre Arbeit im havarierten Atomkraftwerk verleugnen; sie fürchten, dass sie im Restaurant nicht mehr bedient werden oder dass ihre Kinder in der Schule gemobbt werden. Nicht ohne Grund: ein Bericht der Regierung hat bereits dutzende Fälle von Diskriminierung dokumentiert.

Auch wenn Tepco in der Bevölkerung unbeliebt ist, die vielen Facharbeiter, Manager und Ingenieure sind es nicht: Ihre Kenntnisse und ihre Erfahrung in der Energiebranche sind gefragt, vor allem vor dem Hintergrund, dass Japan die Ökostromgewinnung ausbauen will. So unterstützt die Regierung die Branche mit großzügigen Subventionen. Solaranlagen werden mit 32 Yen (rund 23 Cent) pro Kilowattstunde gefördert. "Tepco-Beschäftigte sind sehr gut ausgebildet und haben ausgezeichnete Kenntnisse über den japanischen Energiesektor. Das macht sie sehr attraktiv", sagt Sean Travers, Japan-Präsident von EarthStream, einer in London ansässigen, auf Jobs in der Energiebranche spezialisierten Personalfirma, die gezielt um Tepco- Mitarbeiter wirbt. Darüber hinaus sind auch ihre Kontakte innerhalb der Branche gefragt. Und auch die Gehälter in der Ökostrombranche sind um eines besser.