Tokio. Nach dem heftigen Erdbeben hatte Hiroko Otsukas Mutter ihre beiden Enkel, vier und sieben Jahre alt, von der Schule abgeholt und nach Hause gebracht. Die Bucht von Kesennuma war erfüllt vom Geheul der Sirenen und vom Schneetreiben an einem kalten Wintertag im März vor fünf Jahren. Lautsprecherdurchsagen warnten die Bewohner, sich wegen eines herannahenden Tsunamis auf höher gelegenes Gebiet zu flüchten. In ihrem Haus, hinter einer fünf Meter hohen Tsunamischutzmauer, wähnte die 70-Jährige sich und die Enkelkinder sicher. Schließlich hatte sie als Mädchen schon einmal einen starken Tsunami überlebt, der 1960 nach einem Beben in Chile die Ostküste Japans heimgesucht hatte. Damals war der Tsunami zwei Meter hoch.

Hiroko Otsuka glaubt, dass ihre Angehörigen eine Chance gehabt hätten, zu überleben, wenn sie auf einen Hügel hinter dem Haus geflohen wären. Doch das taten sie nicht, weil sie auf die Mauer vertrauten. Tsunamis von 15 Metern und mehr, die eine halbe Stunde nach dem Seebeben am 11. März 2011 über die Ostküste Japans hereinbrachen, überspülten die Mauern mit Leichtigkeit, vielerorts blieben davon nur Trümmer zurück. Ihre Familie hatte keine Chance. Unter den rund 18.500 Menschen, die am 11. März 2011 starben - weit über 90 Prozent durch den Tsunami - waren über 1000 Kinder. Mehr als die Hälfte von diesen war noch nicht einmal zehn Jahre alt, wie Otsukas Nichte und Neffe.

Noch heute kann sie nicht davon erzählen, ohne dass ihr die Tränen kommen. "Es war für mich so schlimm, als wären meine eigenen Kinder gestorben, so nahe standen wir uns", sagt Otsuka, die in einer kleinen Gemeinde der Stadt Kesennuma an der japanischen Ostpazifikküste aufwuchs. "Wenn ich jetzt in die Details gehe, muss ich weinen", sagt sie und ringt um Fassung.

Als die Katastrophe über ihre Heimat hereinbrach, war Otsuka weit entfernt. Ein Zufall hatte sie vor 25 Jahren über 8000 Kilometer weit weg nach Tasmanien in Australien geführt, wo sie eigentlich nur eine Freundin besuchen wollte. Die abenteuerlustige Frau war so begeistert, dass sie blieb. Sie heiratete einen Australier und bekam zwei Söhne. Später holte sie einen Universitätsabschluss nach und unterrichtete selbst viele Jahre. Aber seit der Katastrophe widmet sie sich mit aller Kraft dem Wiederaufbau ihrer Heimat.

"Ich wollte erst einmal vor allem meinem Bruder und seiner Frau helfen", sagt Otsuka, die erst einmal den Verlust ihrer Kinder verkraften mussten. Die beiden waren damals an ihren Arbeitsplätzen auf höher gelegenem Gebiet und überlebten.

Betonwälle gegen die Angst

Durch ihren langen Auslandsaufenthalt brachte Otsuka neue Ideen und Sichtweisen mit. Während in Japan psychische Probleme meist allein medikamentös behandelt werden, fand Otsuka, dass das nicht genüge. Sie initiierte einen Gesprächskreis für ihren Bruder, seine Frau und Eltern, deren Kinder ebenfalls beim Tsunami ums Leben kamen. Dieser findet einmal im Monat statt. Außerdem engagiert sich Otsuka in mehreren Gruppen, die sich in den Wiederaufbauprozess einbringen. Sie kämpft gegen extrem hohe Tsunamischutzwälle, deren Bau viele Gemeinden nach dem Desaster beschlossen. An einigen Orten sollen diese über zehn Meter messen. "Wie im Gefängnis" kämen sie sich dahinter vor, hört man von Anwohnern oft.

Es handelt sich dabei nicht um isolierte, auf wenige Orte beschränkte Bauprojekte. Bald soll mit 14.000 Kilometern ein großer Teil der gesamten japanischen Küste "eingemauert" werden, die insgesamt 35.000 Kilometer misst. Bisher sind 9500 Kilometer Küste mit niedrigeren Mauern befestigt.

Verstellte Sicht

Japan setzt wieder auf Beton, und das, obwohl die Tsunamis 2011 viele Mauern durchbrochen hatten, sogar den weltweit tiefsten Wellenbrecher in Kamaishi. Immerhin habe dieser den Fliehenden sechs wertvolle Minuten Zeit verschafft, sagt der Bürgermeister. Deswegen habe sich seine Stadt dafür entschieden, wieder in ein solches Bauwerk zu investieren. Die Befürworter warnen, dass sich ohne die Mauern der Wiederaufbau verzögere. "Wir kriegen nur Geld von der Regierung, wenn wir diese Mauer bauen", hieß es von Politikern im Wahlkampf.

Gegner wie Hiroko Otsuka fürchten, dass die Betonbollwerke beim nächsten Mal noch mehr Todesopfer fordern könnten, weil sich die Menschen - wie ihre Mutter - dahinter in falsche Sicherheit wiegen. Die Tante der getöteten Kinder erzählt von einer Studie, wonach an Orten, wo man nicht aufs Meer sah und Warnzeichen wie das sich stark zurückziehende Wasser nicht erkennen konnte, die Zahl der Todesopfer viermal höher lag. "Wenn man den Tsunami nicht erwartete, ist man gestorben", sagt Otsuka. "Wenn man damit rechnete, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man überlebte."

Selbst in einem kleinem Dorf im Norden der Präfektur Iwate, wo eine 200 Meter breite und 15 Meter hohe Schleuse aus dicken Betonblöcken die 3000 Einwohner dahinter vor dem Tsunami schützte, gibt es skeptische Stimmen. Schutzmauern sollten nur gebaut werden, wenn man den Menschen das Versprechen abnehme, nach einem starken Beben sofort zu fliehen, sagt Yasuhiko Morita, der Verwaltungsdirektor von Fudai. Denn so, wie es oft in den Medien geschrieben stehe, dass die Leute hinter den neuen Mauern sicher seien und sich sicher fühlen könnten, sei es nicht. "Man baut Mauern ja dort, wo es gefährlich ist", so Morita.

Der 49-jährige Fischerssohn, der von seinem Vater viel über Wind und Wellen lernte, vermisst bei den Küstenbewohnern das Bewusstsein, zu fliehen. Stattdessen würden diese auf einen Evakuierungsbefehl warten. "Das größte Problem ist, dass man inzwischen den Katastrophenschutz den Behörden überlassen hat", sagt der Behördenvertreter. "Wer noch am ehesten flieht - das sind die Omas und Opas."

Obwohl die Mauer seine Heimat vor dem Tsunami bewahrte, sei Fudai kein Vorbild für andere Gemeinden, nicht zuletzt wegen der hohen Kosten für den Bau. "Wir hatten geographisch einfach Glück", sagt Morita über sein Dorf, das sich hinter einer schmalen Mündung zur See erstreckt.

Der Beamte stimmt mit Hiroko Otsuka überein, die für den Umzug auf höher gelegenen Gebiete plädiert, wie es die Vorfahren empfahlen. Noch heute finden sich viele steinerne alte Warntafeln entlang der Küste, nicht weiter hinunter ans Wasser zu ziehen. Nur hatte man diese mit der Zeit vergessen. "Menschen überleben nur, wenn sie auf höhere Ebenen ziehen. Ebenen sind nicht für Menschen vorgesehen", sagt Otsuka entschieden, "das ist Tsunami-Gebiet."