Betonwälle gegen die Angst

Durch ihren langen Auslandsaufenthalt brachte Otsuka neue Ideen und Sichtweisen mit. Während in Japan psychische Probleme meist allein medikamentös behandelt werden, fand Otsuka, dass das nicht genüge. Sie initiierte einen Gesprächskreis für ihren Bruder, seine Frau und Eltern, deren Kinder ebenfalls beim Tsunami ums Leben kamen. Dieser findet einmal im Monat statt. Außerdem engagiert sich Otsuka in mehreren Gruppen, die sich in den Wiederaufbauprozess einbringen. Sie kämpft gegen extrem hohe Tsunamischutzwälle, deren Bau viele Gemeinden nach dem Desaster beschlossen. An einigen Orten sollen diese über zehn Meter messen. "Wie im Gefängnis" kämen sie sich dahinter vor, hört man von Anwohnern oft.

Es handelt sich dabei nicht um isolierte, auf wenige Orte beschränkte Bauprojekte. Bald soll mit 14.000 Kilometern ein großer Teil der gesamten japanischen Küste "eingemauert" werden, die insgesamt 35.000 Kilometer misst. Bisher sind 9500 Kilometer Küste mit niedrigeren Mauern befestigt.

Verstellte Sicht

Japan setzt wieder auf Beton, und das, obwohl die Tsunamis 2011 viele Mauern durchbrochen hatten, sogar den weltweit tiefsten Wellenbrecher in Kamaishi. Immerhin habe dieser den Fliehenden sechs wertvolle Minuten Zeit verschafft, sagt der Bürgermeister. Deswegen habe sich seine Stadt dafür entschieden, wieder in ein solches Bauwerk zu investieren. Die Befürworter warnen, dass sich ohne die Mauern der Wiederaufbau verzögere. "Wir kriegen nur Geld von der Regierung, wenn wir diese Mauer bauen", hieß es von Politikern im Wahlkampf.

Gegner wie Hiroko Otsuka fürchten, dass die Betonbollwerke beim nächsten Mal noch mehr Todesopfer fordern könnten, weil sich die Menschen - wie ihre Mutter - dahinter in falsche Sicherheit wiegen. Die Tante der getöteten Kinder erzählt von einer Studie, wonach an Orten, wo man nicht aufs Meer sah und Warnzeichen wie das sich stark zurückziehende Wasser nicht erkennen konnte, die Zahl der Todesopfer viermal höher lag. "Wenn man den Tsunami nicht erwartete, ist man gestorben", sagt Otsuka. "Wenn man damit rechnete, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man überlebte."

Selbst in einem kleinem Dorf im Norden der Präfektur Iwate, wo eine 200 Meter breite und 15 Meter hohe Schleuse aus dicken Betonblöcken die 3000 Einwohner dahinter vor dem Tsunami schützte, gibt es skeptische Stimmen. Schutzmauern sollten nur gebaut werden, wenn man den Menschen das Versprechen abnehme, nach einem starken Beben sofort zu fliehen, sagt Yasuhiko Morita, der Verwaltungsdirektor von Fudai. Denn so, wie es oft in den Medien geschrieben stehe, dass die Leute hinter den neuen Mauern sicher seien und sich sicher fühlen könnten, sei es nicht. "Man baut Mauern ja dort, wo es gefährlich ist", so Morita.