Tokio. (sb) Ohne viel Trara betritt Naoto Kan die Bühne im deutschen Kulturzentrum Tokio. Vor dem Ex-Premier liegt zwar ein Manuskript, aber er verwendet es nicht. In seiner wiedergefundenen Rolle als Aktivist fühlt sich der 69-Jährige, in dessen Amtszeit die Fukushima-Katatstrophe fiel, sichtlich wohl. So locker wie er auftritt, überrascht sein Spitzname Ira-Kan, "reizbarer Kan".
Die Reizbarkeit bekam nach dem 11. März 2011 vor allem der Energiekonzern Tokyo Electric Power (Tepco) zu spüren, Betreiber des AKW Fukushima Daiichi. Nach einem heftigen Erdbeben und Tsunami fiel dort der Strom aus, es kam zum GAU. "Es lief mir wirklich täglich eiskalt den Rücken herunter", schreibt Kan in seiner Autobiografie. Als sich die Lage zuspitzte, hörte Kan, dass Tepco seine Mitarbeiter aus dem AKW abziehen will. Er stürmte in die Tepco-Zentrale und schnauzte die Manager an: "Sie sind zuständig, meine Herren. Kämpfen Sie unter Einsatz Ihres Lebens! Auch wenn Sie weglaufen, können Sie nicht entkommen."

Mit der Anordnung im Mai 2011, ein AKW südwestlich von Tokio abzuschalten, mobilisierte er die Atomlobby gegen sich. Bald sah er sich zum Rücktritt gezwungen. Er gab nach, aber erst nach Beschluss eines Einspeisegesetzes. Der Sohn eines Geschäftsmannes arbeitete nach einem Physikstudium als Patentanwalt und kämpfte in Graswurzelbewegungen für Umweltschutz und Frauenrechte. Die Existenz von Atomwaffen veranlasste ihn zum Einstieg in die Politik. An den Myhos der sicheren Atomkraft glaubte er aber, gibt Kan zu – erst die Erfahrung, dass ein Atomunfall die ganze Nation bedrohte, habe ihn zum Gegner gemacht