Kan trägt nun Blaumann statt Anzug. Foto: ap
Kan trägt nun Blaumann statt Anzug. Foto: ap

Und Premier Kan versucht, immer mehr das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Er hielt den Betreibern des Katastrophenreaktors Fukushima, dem Konzern Tepco, eine Standpauke und übte heftige Kritik, dass er als Regierungschef immer wieder zu spät informiert worden sei. Seinen Anzug hat er, wie der Rest der Regierung, schon längst gegen einen Blaumann eingetauscht. "Man stellt sich in eine Reihe mit den Technikern und Ingenieuren, die mit der Krisenbewältigung beschäftigt sind. Der Premier ist sozusagen der Oberingenieur", sagt die Japanologin Verena Blechinger-Talcott gegenüber der "Wiener Zeitung".

Die politische Karriere von Kan galt schon als beendet. Seine Zustimmungswerte waren im Keller, in der eigenen Demokratischen Partei war er umstritten. Nun wird aber über seine politische Zukunft entscheiden, wie die Japaner auf lange Sicht das Krisenmanagement des Ministerpräsidenten bewerten.

Am Mittwoch meldete sich gar der sonst schweigsame Kaiser Akihito zu Wort, um die Bemühungen zur Katastrophenbewältigung zu unterstützen. "Ich hoffe aufrichtig, dass die Menschen diese schreckliche Zeit überstehen, indem sie sich gegenseitig helfen", sagte Akihito.

Hohes Ansehen

Früher wurde der Tenno noch wegen der angeblichen Abstammung des Kaiserhauses von der Sonnengöttin Amaterasu gottgleich verehrt. Heute hat der Kaiser nur mehr eine zeremonielle Funktion, er genießt aber vor allem bei der älteren Bevölkerung noch hohes Ansehen.

"Die Stellungnahme des Kaisers war sicher ganz wichtig, dass die Geduld in Japan aufrechterhalten bleibt", betont Verena Blechinger-Talcott. Denn die Menschen sind laut der Professorin an der Freien Universität Berlin am Ende ihrer Nerven.

Es ist unklar, was im Reaktor Fukushima weiter geschieht, immer wieder gibt es Nachbeben, und in der Millionenmetropole Tokio leeren sich wie auch in anderen Regionen die Supermarktregale. Auch der Strom fällt ständig aus, weswegen manche Leute gleich am Arbeitsplatz übernachten - einfach, weil sie keinen Zug nach Hause nehmen können.

Antrainierte Disziplin

Angesichts all dieser Umstände sind die Japaner aber bisher extrem diszipliniert. Diese Disziplin käme wohl einerseits aus dem Schock heraus, meint Blechinger-Talcott. Die Menschen versuchen, sich an gewohnten Ordnungen zu orientieren. "Zum anderen werden die Japaner von klein auf trainiert, sich in Gruppen diszipliniert zu verhalten. Das lernt man schon in der Schule, und es ist ein auf Katastrophenschutz hin antrainiertes Verhalten." Aber natürlich weiß niemand, wie die Menschen reagieren werden, sollte etwa Tokio von einer nuklearen Katastrophe betroffen sein oder sollten dort Lebensmittel und Wasser zur Neige gehen.

Noch zeigen die Japaner aber Geduld - auch die Medien mit ihrer Regierung und deren widersprüchlichen Informationspolitik. "Was ich so lese, ist die Kritik bei weitem nicht so stark wie in den westlichen Medien", berichtet Blechinger-Talcott. Es sei auch nicht so, dass die Japaner nicht informiert würden. So könne man auf den Webseiten der Präfekturen rund um Fukushima regelmäßig die aktualisierten Strahlenwerte nachlesen.

Die Angst vor einer Nuklearkatastrophe steige jedenfalls und rücke zusehends in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Und langsam scheinen dadurch nun doch viele Japaner das Vertrauen in ihre Regierung zu verlieren. Die Behörden "sagen uns nicht, was wirklich ist. Die belügen uns. Wir alle haben solche Angst", sagt Kiyoko Yoshimura aus Tokio.