Tokio. Kenichi Hasegawa ist eine Seltenheit in Japan. Der frühere Milchbauer aus der 6000 Seelen-Gemeinde Iitate in Fukushima scheut sich nicht davor, deutliche Worte zu finden, wenn er über den Umgang des Staates mit den Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima spricht: "Es ist ganz klar geworden, dass die Regierung die Sache so schnell wie möglich begraben will", sagt er mit rauer Stimme vor Journalisten in Tokio. Nicht zuletzt wolle ja Tokio 2020 die Olympischen Spiele ausrichten - was Hasegawa sichtlich missfällt. Denn er und seine Mitbürger haben andere Sorgen. "Wir stehen jetzt vor der Entscheidung, ob wir unser Dorf aufgeben oder doch zurückgehen, obwohl dort viele Orte weiter stark verstrahlt sind."

Am 11. März 2011 hatte um 14.46 Uhr Ortszeit die Erde in Japan gebebt, wie es dort niemand seit Menschengedenken erlebt hatte. 9,0 auf der Richterskala machten das Seebeben vor der Ostküste Japans zu einem der stärksten je gemessenen. Dieses löste Tsunamis aus, die zwischen 30 und 60 Minuten später die gesamte Ostküste Japans heimsuchten, vor allem die drei Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima. Die haushohen Wasserwände unterbrachen die Stromversorgung im AKW Fukushima Daiichi und führten zu Problemen in drei weiteren Kraftwerken. In der Folge kam es zu Kernschmelzen in drei Reaktoren des havarierten AKW, große Mengen an radioaktiver Strahlung traten aus.

Noch heute ist diese an bestimmten Stellen, vor allem in der näheren Umgebung, so hoch, dass sich Menschen dort nur wenige Minuten aufhalten können. Sonst drohen sie an der Strahlenkrankheit zu erkranken oder gar zu sterben. Täglich kämpfen dort weiter über 7000 Arbeiter unter harten Bedingungen, um eine erneute Eskalation zu verhindern.

Mehrere zehntausend Menschen leben im Nordosten Japans fünf Jahre nach der Dreifachkatastrophe in Übergangswohnungen, viele davon im einfachen Container-Stil, darunter Hasegawa. Der kämpferische Mann besaß früher 50 Kühe und lebte mit acht Familienmitgliedern in einem Viergenerationen-Haushalt. Seit der Katastrophe wohne seine Familie getrennt an drei Orten.

Gelogen wird noch immer

Betroffene wie er fühlten sich vom Staat übergangen und belogen, sie misstrauen den Politikern und Beamten zutiefst. Als Beispiel führt Hasegawa das Gebiet neben seinem früheren Grundstück an, das als fertig dekontaminiert erklärt worden war. Messungen der Erde und Bäume dort, die er selbst danach mit Hilfe eines Universitätsprofessors unternahm, ergaben jedoch einen Wert, der das Dreifache über dem gesetzlich erlaubten Limit lag. Trotz der hohen Werte wolle die Regierung im März 2017 die Evakuierungsanweisung für Iitate aufheben und sogar Schulen wieder öffnen, sagt Hasegawa.