• vom 11.03.2016, 19:01 Uhr

Fukushima & Atomenergie

Update: 14.03.2016, 19:38 Uhr

Fukushima

Zum Herumsitzen verdammt








Von WZ-Korrespondentin Sonja Blaschke

  • Nicht die Strahlenbelastung nach der Fukushima-Katastrophe macht viele Menschen in der Region krank, sondern die Apathie der Überlebenden.

Tokio. Manchmal werde sie gefragt, ob man in Fukushima weiter unbesorgt in die Berge gehen könne, um wildes Gemüse zum Verzehr zu sammeln. "Wenn die Person über 70 Jahre alt ist, antworte ich: ‚Gehen Sie, so oft Sie wollen‘", sagt Dr. Sae Ochi. Sie weiß zwar, dass anders als Supermarktgemüse, das kontrolliert wird, wildes Gemüse sowie Pilze und Wild durchaus hohe Strahlenwerte aufweisen können. Aber die Vorteile der körperlichen Bewegung würden gerade bei Älteren die Nachteile einer möglichen inneren Verstrahlung überwiegen.

Als die Tokioterin 2013 nach einem Master-Studium in London eine Stelle in einem Krankenhaus in Soma in Fukushima annahm, war ihr Umfeld überrascht. "Ist es nicht gefährlich?", hätten viele gefragt. Oder sogar: "Also hast Du aufgegeben, ein Kind zu bekommen?" Ochi lächelt verschmitzt, als sie das erzählt.

Sie steht in engem Kontakt mit Ärztekollegen in der Region. Diese begannen im Juli 2011, vier Monate nach dem Desaster. Tests auf innere Verstrahlung. Das Ergebnis von über 100.000 Messungen: Bei den meisten habe man nichts festgestellt, sagt Masaharu Tsubokura, einer der beteiligten Ärzte. Bei den wenigen mit erhöhten Werten seien diese relativ niedrig gewesen - vergleichbar mit denen etwa in Deutschland. Über die Wirkung niedriger Strahlendosen sind sich Experten uneins.

Viele Bewohner von Fukushima sprächen ungern über die radioaktive Strahlung, sagt Tsubokura. Zwar wurden über 98 Prozent der Schulkinder untersucht, aber nur rund zehn Prozent der Erwachsenen. Bei den Kindern habe man laut Tsubokura nun seit drei Jahren kein Cäsium mehr festgestellt.

Neues soziales Umfeld, mehr Alkokoholkranke

Die Ärzte sehen das größere Problem in den Folgen der Veränderung des sozialen Umfeldes. Weiter können mehrere zehntausend Menschen wegen Evakuierungsanweisungen nicht in ihre Heimat zurück und harren in beengten Temporär-Unterkünften aus. Viele sind arbeitslos und bewegen sich kaum. Bestellten sie früher ihre Gemüsegärten, verlassen sich heute viele auf Fertiggerichte. Ochi untersuchte über 65-jährige Patienten in Übergangswohnungen im jährlichen Vergleich. Die Resultate zeigten einen Anstieg von Diabetes, Bluthochdruck, Fettleibigkeit und Schlaganfällen sowie eine Abnahme körperlicher Stärke. Diabetes ist zudem ein Risikofaktor für Krebs.

Außerdem bemerkte sie erhöhte Leberenzymwerte, ein Zeichen von Alkoholismus, vor allem bei Männern. Diese seien für die Veränderung des sozialen Umfelds anfälliger, sagt Ochi. "Wenn wir Übergangswohnungen besuchen, sind dort vor allem Frauen bei den Treffen. Wenn wir fragen, wo denn der Ehemann geblieben ist, dann sagen sie ‚Der sitzt zuhause vor dem Fernseher‘." Das sei wohl ein Stück weit japanische Kultur, sagt Ochi, der Mann als "arbeitender Soldat". Wenn er die Arbeit verliere, erlebe er dies als Scham, und so verliere er schließlich seine Gemeinschaft.

Die Ärztin versucht, die Menschen über die Strahlung aufzuklären und ihnen selbständige Entscheidungen zu ermöglichen. Denn die Angst davor führt mitunter zu überraschenden Entscheidungen: Ochi erzählt von einer Mutter, die so besorgt war, dass die Grundschule mit Lebensmitteln aus Fukushima das Mittagessen zubereitete, dass sie ihrem Kind Hamburger einer amerikanischen Fastfood-Kette mitgab. Wer sich Sorgen mache, dem empfiehlt die Ärztin, sich gesünder zu ernähren und mehr Sport zu treiben.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-14 19:05:04
Letzte Änderung am 2016-03-14 19:38:42


Fukushima






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