• vom 21.03.2011, 18:21 Uhr

Hintergrund

Update: 22.12.2015, 13:38 Uhr

Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker zu dem Folgen der Kernkraft-Katastrophe von Fukushima

"Signal zum Ende des Atomzeitalters"




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Von Eva Stanzl

  • Ausstieg aus Kernkraft, erneuerbare Energien auf allen Ebenen zu forcieren.
  • Energie muss effizienter gewonnen und teurer werden.

Solarenergie ist gut, aber nicht überall: Auch erneuerbare Energien haben ihre Grenzen. Foto: corbis

Solarenergie ist gut, aber nicht überall: Auch erneuerbare Energien haben ihre Grenzen. Foto: corbis Solarenergie ist gut, aber nicht überall: Auch erneuerbare Energien haben ihre Grenzen. Foto: corbis

"Wiener Zeitung": Die Gefahr eines GAUs in Fukushima ist nach wie vor nicht gebannt. 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl diskutiert nun Europa über einen Ausstieg aus der Kernkraft. Eine Utopie oder sehen wir tatsächlich das Ende des Atomzeitalters?
Ernst-Ulrich von Weizsäcker: Ja, es könnte sein, dass wir in 100 Jahren sagen, Fukushima war das Signal zum Ende des Atomzeitalters. Bei Three Mile Island konnte man noch annehmen, dass niemand so genau wusste, dass es wirklich Unfälle geben kann, bei Tschernobyl, dass die alternde Sowjetunion nicht mehr die richtige Sorgfalt unternahm. Aber bei den Japanern kann man all dies nicht sagen. Sie sind exzellente Ingenieure, die jedoch Naturkatastrophen von einer derartigen Größe auch nicht verhindern können.

Kann sich die Welt einen Atom-Ausstieg leisten?

Ich glaube nicht, dass das ernsthaft Geld kostet. Was man verhindern muss, ist, dass frische Euros in die Vergangenheit investiert werden. Es wird ja sowieso ständig investiert. Wenn man aber in die Zukunft anlegt und zwar zuerst vor allem in Energieeffizienz und in zweiter Näherung in erneuerbare Energien, wird man feststellen, dass man einen sehr hohen Wohlstand ohne jede Atomenergie bekommen kann.

Wie kann das umgesetzt werden?

Man muss jedes Jahr die Energie um gerade so viel Prozent verteuern, wie im abgelaufenen Jahr die Effizienz gestiegen ist. Man könnte das auch auf CO2 ausweiten und erneuerbare Energien als CO2-mindernd mit in Rechnung stellen. Wenn man so etwas macht und jeder Investor weiß, in diese Richtung geht die Reise, wird man über kurz oder lang als Architekten-Norm das Passivhaus haben. Bei der Verkehrsplanung wird sich das Modell Texas oder Kansas aufhören und wir werden in die zivilisierte Welt der europäischen Städte zurückkehren.

Zahlen muss also der Konsument. Wer kann sich eine weitere Verteuerung von Strom und Gas leisten?

Der Preis soll nur gerade in dem Umfang ansteigen, wie im abgelaufenen Jahr die Effizienz zugenommen hat, wodurch die monatlichen Ausgaben nicht zunehmen. Natürlich könnte der Forschritt bei den Begüterten früher ankommen als bei den Armen. Deswegen wird man vermutlich einen Sozialrabatt machen müssen, indem die Preissteigerung bei den ärmeren Haushalten zehn Jahre später ankommt als bei den reicheren.

Die Kernenergie belastet die CO2-Bilanz kaum. Was heißt es für den Klimaschutz, wenn die Atomindustrie ausfällt?

Wenn man die Effizienzstrategie forciert - was der Sinn der Preisstrategie ist -, bedeutet der Ausstieg aus der Kernenergie kein neues Kohlekraftwerk. Dabei muss man natürlich auf die erneuerbaren Energien setzen.

Um wie viel weniger Strom könnten wir verbrauchen?

Man kann quer durch den Garten gehen: Etwa gibt es Waschmaschinen und Waschmittel, die das Wort "Kochwäsche" ins Museum verbannen, weil die Wäsche bei 40 oder 60 Grad so sauber wird, man aber viel weniger Energie verbraucht. LED-Leuchten können Licht mit einem Zehntel der Kilowattstunden produzieren. Wenn man Aluminium aus Aluminium-Schrott herstellt statt aus Bauxit, braucht man ein Zehntel des Stroms pro Tonne Alu. Bei der Ernährung kann man mit etwas weniger Fleisch, Ökolebensmitteln und etwas Jahreszeit-gemäßer Ernährung sehr viel Energie sparen.

Dürften bei einer konsequenten Umsetzung auf nachhaltige Energiegewinnung jeder Haushalt ein Auto fahren oder man mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen?

Ich möchte nicht, dass der moralische "Vater Staat" sagt, ihr dürft das und das nicht mehr, sondern dass gewisse Dinge aus Gründen ökonomischer Rationalität aus der Mode kommen. Wenn langsam die Preise steigen, werden die Menschen für sich selbst entscheiden. Dann werden sie merken, dass ein Waldspaziergang, Musik, Kartenspiel oder ein Abend mit Freunden eine wunderbare Erholung, Freizeitbeschäftigung und Lebensbefriedigung sein kann - und praktisch keine Energie verbraucht. Am Wochenende nach Teneriffa zu düsen ist ja ein bisschen eine eingebildete Lebensqualität.

Ein Ausstieg aus der Atomenergie ist also keine Diktatur des Staates, sondern des Preises.

Das Wort Diktatur würde ich überhaupt vermeiden. Ich würde sagen: ein Signal des Preises.

Mit einem Ausstieg aus der Atomenergie wird alles teurer.

Nicht wegen des Atomenergie-Ausstiegs, sondern wegen des Einkehrens der Vernunft wird es teurer. Ich will nicht sagen: Entweder Atomenergie oder den Gürtel enger schnallen. Sondern ich sage: Entweder unvernünftige Energieverschleuderung mit Atom und Kohle oder elegante, vernünftig effiziente Energienutzung mit höchster Lebensqualität.

Gewissen Szenarien zufolge könnte die Welt 2017 aus der Atomenergie ausgestiegen sein. Warum tut das niemand?

Weil viele Angst vor "Energiearmut" haben. Im Übrigen sind fünf Jahre für Länder wie Frankreich, Belgien oder Japan zu kurz. Da würde es realistischerweise 30 Jahre dauern, und auch nur, wenn der politische Wille da wäre.

Wer soll den Stein ins Rollen bringen? ÖVP-Forschungssprecherin Katharina Cortolezis-Schlager plädierte für eine globale, demokratisch legitimierte Behörde, die den Ausstieg durchsetzt. Was halten Sie davon?

Ich plädiere für eine politische Allianz Europa-Asien ohne Warten auf die Amerikaner mit dem Ziel des Recycling, des echten Klimaschutzes und eines langsamen Ausstiegs aus der Atomenergie. Wenn Länder wie Österreich, Deutschland oder die Niederlande anfangen, würde Asien wahrscheinlich schnell mitmachen. Wobei es für Japan am schwierigsten ist, weil sie sich in einem unvernünftigen Maße abhängig gemacht haben vom Atomstrom.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-03-21 18:21:00
Letzte Änderung am 2015-12-22 13:38:28


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