Kiew. Was mussten sich die Spanier Kritik anhören während dieser EM. Ihr Kurzpassspiel Tiqui-taca, von dem bis dahin nur so geschwärmt wurde, sei plötzlich langweilig. Ja sogar das Wort einschläfernd war gefallen. Dabei machten die Iberer doch nur das, was sie immer machten. Bloß die Gegner hatten sich besser darauf eingestellt. Gut, manchmal hatte man tatsächlich das Gefühl, da ginge mehr. Jetzt wissen wir es besser. Die spanischen Edelkicker haben geblufft, haben sich ihre Galavorstellung für das große Finale aufgespart.

Große Endspiele sind zwar häufig von Spannung geprägt, oft aber, der Vorsicht und der Nervosität wegen, nicht von allerhöchster Spielqualität. Nicht so dieses am 1. Juli 2012 zu Kiew. Spanien machte von der ersten Minute an klar, wer der Chef am Platz sein werde. Schnell, wendig, kreativ, gewitzt – Tiqui-taca in Perfektion. Das Gegenteil von Langeweile. Und nach nur 14 Minuten war es schon so weit. Nach je zwei Torschüssen von Ramos und Xavi, war es David Silva, der Spanien früh auf Titelkurs brachte. Iniesta öffnete die italienische Abwehr mit einem perfekten Pass auf Fabregas, dessen Zuspiel in die Mitte traf genau die Stirn des 1,70 Meter kleinen Flügelflitzers und der wiederum traf genau das Tor.

Jetzt war Italien gefragt. Doch im Spielaufbau schlichen sich Fehler ein. Ein paar Mal schafften es die Azzurri trotzdem vors Tor. Casillas blieb gegen Cassano zweimal (29., 33.) siegreich. Italiens Halbfinal-Held Mario Balotelli war bis dahin völlig abgemeldet. Erst in Minute 38 machte er mit einem Fernschuss auf sich aufmerksam – der Ball ging deutlich drüber. Er verschwand dann auch wieder in der Versenkung.

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Und dann kam, was beinah kommen musste. Der Titelverteidiger legte nach. Minute 41: Nur zwei Spanier benötigte es, um die italienische Abwehr auszuhebeln. Xavi bediente Jordi Alba perfekt, der sah nur noch Buffon vor sich und schob den Ball lässig an Italiens Schlussmann vorbei.

Bedauernswerte Italiener
0:2 zur Pause gegen die beste Nationalmannschaft der Gegenwart. Die Azzurri standen mit dem Rücken zur Wand. Teamchef Cesare Prandelli steckte den Kopf aber noch nicht in den Sand, brachte Konterstürmer Di Natale für Cassano. Der machte auch sogleich auf sich aufmerksam, scheiterte aber zweimal (46., 51.) an Casillas. Spätestens in der 60. Minute war der Moment gekommen, in dem man für die Italiener nur noch Mitleid übrig haben musste. Thiago Motta, erst vier Minuten zuvor eingewechselt, verletzte sich ohne Fremdeinwirkung. Die Teamkollegen deuteten sofort: Wechsel, Wechsel. Das Problem war, Prandelli hatte das Austauschkontingent zu diesem Zeitpunkt bereits erfüllt, nachdem er Chiellini verletzungsbedingt schon in der 20. Minute vom Feld nehmen musste.

Der Rest des Spiels ist schnell erzählt. Die Italiener versuchten zwar noch nach vorne zu spielen, was auch das eine oder andere Mal gelang, doch der Aussichtslosigkeit war man sich im Grunde schon im Klaren. Spaß hatten an diesem Abend nur die Spanier. Mitleid? Nein, eher nicht. Für die Furia Roja boten sich mehr Räume, die wurden genutzt. Gnadenlos.

In der 84. Minute machte Torres, der für Fabregas eingewechselt wurde, alles klar. Im 1:1 gegen Buffon hatte Italiens Keeper abermals das Nachsehen. Vier Minuten später wurde es dann so richtig bitter für die Squadra. Torres legte uneigennützig für Mata auf, der netzte zum Endstand ein. Der finale Assist brachte Torres schließlich auch die Torschützenkrone im EM-Turnier ein.

Spanien gelang damit erstmals in der Geschichte sowohl die erfolgreiche Titelverteidigung, als auch der Titel-Hattrick (EM 2008, WM 2010, EM 2012). Mit dem insgesamt dritten EM-Triumph (erster Titel 1964) sind die Iberer nun gemeinsam mit Deutschland auch Rekord-Europameister.

Spanien - Italien 4:0 (2:0)
Kiew, 64.000, SR Proenca (POR)

Tore: 1:0 (14.) Silva, 2:0 (41.) Alba, 3:0 (84.) Torres, 4:0 (88.) Mata

Spanien: Casillas - Arbeloa, Pique, Ramos, Alba - Xavi, Busquets, Alonso - Silva (59. Pedro), Fabregas (75. Torres), Iniesta (87. Mata)

Italien: Buffon - Abate, Barzagli, Bonucci, Chiellini (21. Balzaretti) - Marchisio, Pirlo, Montolivo (57. Motta), De Rossi - Balotelli, Cassano (46. Di Natale)